Ein Abend voll guter Gespräche

Szenerie: Couch und Sessel vorm Kamin
Beteiligte: Großvater (G), Vater (V). Enkelin/Eimer (E)


G Spielen wir wieder Skat?

E Sehr gern, wenn Du möchtest.

G Dann hol mal die Karten von nebenan. Und den Block, wir schreiben doch auf?

V Aber sicher.

Die Enkelin holt die Karten, beginnt zu mischen während der Vater Wein einschenkt. Wortlos legt sie den gemischten Stapel in die Mitte des Tisches, der Vater hebt ab und sie teilt aus. Der Großvater nimmt langsam seine Karten auf.

G Urgs. Hm. Ah.

V 18.

G Ja.

V 20.

G Ja.

V 22.

G Weg.

E Weg.

Der Vater nimmt den Skat auf, arrangiert seine Karten, legt wieder zwei Karten hin.

V Herz.

G Wer kommt raus?

E Du.

Sie spielen reihum die Karten aus bis alles Stiche verteilt sind. Der Vater nimmt seine Sticke auf und zählt lautlos seine Punkte während die Enkelin dem Großvater Wein nachschenkt.

V 62. Das war knapp.

Er notiert das Ergebnis, schiebt die Karten zum Großvater, der zu mischen beginnt und, nachdem die Enkelin abgehoben hat, die Karten verteilt.

Das Reizen beginnt erneut. Einsilbig und zügig. Der Großvater spielt Kreuz und gewinnt.

In den nächsten zwei Stunden wird so Runde um Runde gespielt. Es werden Zahlen ausgetauscht, aufgeschrieben und wortlos Karten hin und her geschoben. Dann fängt der Großvater an zu gähnen.

G Ich glaube, ich muss jetzt ins Bett.

V und E Gut, dann gehen wir jetzt.

G Danke, dass Ihr gekommen seid, es war wirklich schön mit Euch. Und wir haben uns so wunderbar unterhalten.




Und wieder einmal zeigt sich, dass nicht die Anzahl der ausgesprochenen Wörter ein gutes Gespräch definiert.

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Und jetzt anders herum: Wortgeschenke für Euch

Mir sind im Zuge der Wortgeschenksuche für meinen Großvater einige Bücher aus meinem Regal wieder in die Hände gefallen, in die ich lange Zeit nicht reingeschaut hatte. Dabei sind mir Wörter aufgefallen, die sich zwar nicht für meinen Opa eigneten, die aber in meinen Augen zu schön, interessant oder besonders sind, um sie sang und klanglos wieder zwischen den Buchdeckeln verschwinden zu lassen.

Nun ist es weiterhin so, dass ich sehr gerne Briefe schreibe, so richtig per Hand und mit Füller. Daher habe ich mir überlegt, beides zu kombinieren und Ihr dürft die Leidtragenden sein. Allerdings ausschließlich freiwillig, wenn Ihr wollt.

Ich habe sieben Wörter per Brief zu verschenken, und ich werde es natürlich nicht dabei belassen, jeweils nur das eine Wort zu schreiben, lasst Euch überraschen. Wer also eins erhalten möchte, möge dies bitte in den Kommentaren bekunden.

Sollte es bis zum 10. Mai mehr als sieben Interessenten geben, werde ich sieben Empfänger auslosen. Ihr solltet natürlich bereit sein, mir auch zu vertrauen, dass ich selbstverständlich Eure Adressen (Details per email nach Empfängerentscheidung) ausschließlich für diesen Brief und nichts anderes verwenden werde.

So, wem darf ich ein Wort schenken?

An die Tastaturen, fertig, kommentieren bitte!

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Ente statt Ende

Gestern wärest Du 93 geworden. Übermorgen bist Du seit drei Monaten nicht mehr physisch bei uns.

Es war ein Abschied, wie man ihn sich wünschen würde. Du schliefst zu Hause ein, wie Du es gewollt hattest, in Deinem eigenen Bett. Wir hatten genug Zeit, um uns zu verabschieden, aber es ging schnell genug, so dass Du nicht lange leiden musstest. Ich durfte letzte Worte voller Liebe mit Dir wechseln, Deine Hand halten, viel bei Dir sein.

Ich hatte Angst, dass Dein Ende auch sein Ende sein würde. Zum ersten Mal allein, nach 42 Jahren an Deiner Seite. Seinen Schmerz zu erleben, tat mir fast mehr weh, als meine eigene Trauer. Ich habe ihn noch nie so gesehen. Klein, kläglich, sogar weinend.

Wir verbrachten seitdem sehr viel Zeit mit ihm, es gab viel zu organisieren, das hielt ihn beschäftigt. Und wir haben angefangen, Dinge anders zu machen. Du weißt, er liebt es sehr den Kamin anzumachen. In den letzten drei Jahren tat er es nicht mehr, Dein Asthma erlaubte es nicht. Wir haben uns an den Kamin gesetzt und Skat gespielt. Du hättest Dich gelangweilt. Ihm hat es Spaß gemacht, und obwohl er in den letzten 30 Jahren nur Bridge gespielt hat, hat er gleich beim ersten Mal haushoch gewonnen.

Er hat so viel Spaß beim Spielen. Kichert, lacht, giggelt, verliert sich im Hier und Jetzt und scheint zumindest für ein paar Stunden seinen Schmerz zu vergessen. Mit jeder Woche spielt er risikofreudiger, auch mal leichtsinnig, verliert dann und setzt den herzerweichendsten Hundeblick auf, den man sich vorstellen kann. Nur um dann im nächsten Augenblick sein verschmitzes Grinsen hervorzuholen und souverän das nächstes Spiel zu gewinnen.

Immer wieder fragt er, ob wir was von Deinen Sachen haben wollen, als Erinnerung. Es gibt nichts, was ich zur Erinnerung an Dich brauche, ich habe sie im Herzen. Lauter kleine Gesten, Erzählungen aus Deiner Kindheit und Jugend, Dein Geruch, lustige Unterhaltungen, die wir führten, in denen sich unser Generationenunterschied bemerkbar machte, aber nie störte.

Dein Lebensweg war für mich immer ein Faszinosum, so konservativ, gesprägt von einer sehr traditionellen Frauenrolle, mit der Du aufgezogen und sehr früh verheiratet wurdest. Aus der Du dann nach dem Krieg ausbrachst, nachdem Du für mich Unvorstellbares überlebt hattest. So selbständig und modern, wie Du danach Deinen Weg gingst, alleine für Deine Kinder sorgtest, als es notwendig war und Dich dann doch wieder in die alten Versorgungsmuster begabst, bis Du Witwe wurdest.

Und dann kam er an Deine Seite, weit bevor es mich gab, während der Anfänge der Beziehung, die meine Existenz erst ermöglichte. Vielleicht hätte es mich ohne Dich sogar nie gegeben, Du vermitteltest, glättetest Wogen, brachtest Liebe, Herzlichkeit und Offenheit.

Du warst immer meine Oma, ich wusste als Kind zwar schon sehr früh, dass keine Blutsverwandschaft besteht, aber das war mir mehr als egal. Ich wurde von Dir geliebt und ich liebte Dich, alles andere war nicht wichtig. Wenn wir zu Besuch waren, durften wir, kurz bevor wir wieder gingen, hoch gehen, in Dein Schlafzimmer. Dort stand auf dem Regal eine Porzellanente, deren Kopf man als Deckel abnehmen konnte. Darin lagen kleine, einzeln verpackte Traubenzuckerbonbons, in ganz vielen verschiedenen Geschmacksrichtungen. Wir durften uns eins nehmen und dann, kurz bevor wir schon wieder auf dem Weg nach unten waren, sagtest Du immer: “Liebchen, nimm doch auch noch eins fürs andere Händchen.” Es war unausgesprochene Regel, kleines vertrautes Ritual, wir nahmen immer nur eins, fragten nie nach mehr und bekamen immer noch ein zweites.

Ich habe die Ente schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen, das Regal stand in den letzten Jahren mit Büchern voll. Neulich fragte ich ihn nach der Ente, ob er wisse, wo sie sei. Diese ist dann doch etwas von Dir, was ich gerne haben möchte. Er suchte und suchte, aber es dauerte einige Wochen bis er sie mir strahlend übergab, endlich hatte sie sich  wieder angefunden.

Ich bin so froh darüber, nun doch etwas von Dir zu haben. Nicht weil ich die Ente brauche, um mich an Dich zu erinnern, sondern weil ich dieses kleine Ritual fortsetzen und meine damit verbundenen Erinnerungen an Dich an andere weitergeben will. Ich muss nur noch diese ganz bestimmten Traubenzuckerbonbons finden.

Eine Ente ist nämlich so viel schöner als ein Ende.

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Ich schenke Dir ein Wort

Ich habe ihn ein paar Tage nicht gesehen. Viel zu lange schon, es kann sich alles so schnell ändern. Die Verlegung und damit einhergehende Aufregung geht an die Substanz. Nur wenige Besucher erstmal, seine Kinder, um diverse organisatorische Dinge zu regeln. Kräftezehrender Trubel.

Ich bin wütend und verstehe nicht, wie die Ärzte im Krankenhaus, ihn einfach haben rausschmeißen wollen. Erst lassen sie ihn tagelang im Zug liegen, nur einem Azubi fiel das irgendwann auf und er hängte die Klimaanlage ab, um ihn etwas zu schützen. Aber es war schon zu spät, die Erkältung war bereits da, mit Risiko auf Lungenentzündung. Könnte man ja mal überprüfen, ist ja durchaus eine bekannte Problematik, vor allem bei älteren Patienten. Taten sie aber nicht. Ist ja nicht Bereich der Fachabteilung gewesen, auf der er lag. Pfft! Nein, stattdessen sollte er nach Hause gehen. Geschwächt nach tagelangem Liegen, ohne Mobilisierung und mit einem unterirdischen Kreislauf.

Unverantwortlich.

Meine Löwenmami ist seine Löwentochter, er durfte noch eine Nacht bleiben. Aber dann wirklich raus, nein, da ist auch nichts auf den Röntgenbildern zu sehen. Und tschüss.

Er klappte fast zusammen während er sich ankleidete, hustete und röchelte. So konnte es nicht gehen. Ein Hoch auf meinen Onkel und den Hausarzt, mit deren Hilfe auch am Wochenende sofort hilfsbereit und tatkräftig kurzfristig eine erneute Einweisung organisiert werden konnte. Woanders. Zum Glück.


Ich betrete das neue Krankenhaus und werde an der Information freundlich begrüßt und gefragt, wohin ich denn möchte. Sie kontrolliert meine Angaben über Namen und Zimmernummer und beschreibt mir den Weg zur Station.

Schon die Flure sehen freundlicher, heller aus und sauberer. Ich klopfe und betrete sein Zimmer. Er sitzt halb aufrecht, mit Schal um den Hals und den Sauerstoffschlauchnupsies in der Nase. Im Laufe des Besuchs verschieben diese sich immer wieder und jedes Mal wenn ich sie im richte, erlaubt es mir eine Nähe, die er sonst nicht immer zulässt. Er fühlt sich klapprig, schämt sich nur im Nachthemd, wenn auch unter der Bettdecke, vor mir zu sitzen und versucht dennoch, es sich nicht anmerken zu lassen.

Er ist ein stolzer Mensch, sehr Mann seiner Generation, immer um Contenance, gutes Benehmen und Anständigkeit bemüht. Auch gegenüber der Familie, mir, seiner Enkelin, keine Schwäche zeigen. Das obligatorische Klemmbrett mit den von meinem Bruder regelmässig für ihn ausgedruckten Sudokus von der Zeit Website liegt auf seinen Knien, die Brille rutscht fast von der Nasenspitze. Er strahlt als er mich sieht. Ich setze mich an seine Seite und nehme seine Hand in meine, halte sie fest, ich brauche diese Nähe, und er gewöhnt sich auch langsam daran, entspannt, fängt sogar unbedacht an mit seinem Daumen über meinen Handrücken zu streicheln.

Seine krächzende Stimme macht mir etwas Sorgen, er erzählt detailliert von den letzten Tagen, von der Anamnese, der Bestürzung der hiesigen Ärztin über den ‘Rauswurf’ aus dem anderen Krankenhaus, trotz extrem schlechter Werte und dem dann doch festgestellten Schatten auf der Lunge. Aber jetzt fühle er sich gut aufgehoben, sagt er lächelnd und wird zwischendurch dann doch von heftigen Hustenanfällen geschüttelt.

Ich versuche ihn durch eigene Erzählungen etwas vom vielen Reden abzuhalten, aber er hat einen Lauf.

Soll ich Dir ein Wort schenken? Ach, ja, ich schenke Dir ein Wort!

Oh, cool! Welches denn?

Kennst Du ‘oberschlächtig’ und ‘unterschlächtig’? Ich mal Dir das mal auf.

Das sind ja sogar zwei Wörter. Dann mal mal auf.

Er nimmt mit seinen dünnen, vom Alter und Arthrose verkrümmten Fingern den Stift in die Hand und opfert einen seiner Sodukozettel für seine Zeichnung. Etwas zittrig malt er Wasserräder mit unterschiedlichen Wasserzu- und abflüssen. Ich verstehe sofort, was er meint und erfreue mich an seiner Freude, mir etwas beizubringen.

Es gibt noch so viel, was ich von ihm lernen möchte, so viel Wissen und Erinnerungen in seinem Kopf, von denen ich noch erfahren will. Meine Gedanken schweifen in eine Richtung ab, die mir Bauchgrummeln bereitet, aber zum Glück bringt er mich sofort zurück ins Jetzt.

Du kannst Dir das auch gut an Klopapierrollen merken.

Ich schmunzle und wir denken offenbar identisch.

Klopapierrollen müssen unbedingt oberschlächtig hängen.

Wir sagen es wirklich gleichzeitig und grinsen einander an. Ein Moment zum einfangen, einrahmen und auf den Schreibtisch stellen. Ein Bruchteil einer Sekunde nur, den man festhalten will, um später immer wieder darauf blicken zu können. Ich mache ein Photo in meinem Herzen.

Als ich gehen muss, blickt er mich an und ich weiß nicht, wie ich seinen Blick deuten soll, ist darin ein Funken Angst?

Das nächste Mal will ich Dich wieder zu Hause sehen.

Ich denke eine Sekunde darüber nach, ob die Bedeutung anders wäre, hätte er ‘…will ich Dich zu Hause wieder sehen’ gesagt. Ich schüttele den Kopf, mehr innerlich, zu mir selbst, für ihn unmerklich. Nicht interpretieren, nicht anfangen daran zu denken.

Morgen kommt Mami, übermorgen besuch ich Dich wieder, egal ob hier oder zu Hause.

Ich beuge mich zu ihm herunter und gebe ihm einen Kuss auf die Wange, länger als sonst, drücke seine Hand, sanft aber bestimmt.

Ich hab Dich lieb!

Er lächelt und winkt mir zu.

Nun geh schon, Kindchen, hast’s ja noch weit nach Haus.

Wie egal mir die Weite des Weges ist. Ich gehe sehr langsam zurück zum Auto, hole das Photo von vorhin aus meinem Herzen, betrachte es innerlich und nehme einen tiefen Atemzug voll Frühlingsluft, bevor ich nach Hause fahre.

Übermorgen möchte ich gerne ihm ein Wort schenken, oder zwei. Ob ich wohl welche finde, die er mit seinen 91 Jahren noch nicht kennt?

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Mathe = Angstfach?

Wer mich auch nur ein bisschen kennt weiß, dass ich einen ausgesprochen ausgeprägten Faible für Zahlen und Zahlenspielereien habe. Zu Schulzeiten war das nicht immer so. Mathe bereitete mir zwar keine Sorgen, interessierte mich aber auch nicht sonderlich, es lief halt so irgendwie. Irgendwo im faulen Niemandsland beständig zwischen einer Zwei und Drei pendelnd.

Dann trat ich ein Auslandsjahr an und traf auf den wohl großartigsten Mathelehrer überhaupt, Mr J.. Er erweckte Mathe zum Leben, spielte mit den Zahlen, jonglierte mit Formeln, war sich nicht zu schade, sich zum Affen zu machen und motivierte uns zur Neugier. Er zerrte uns nicht erst durch stundenlang andauernde, staubtrockene Theorie, sondern ließ uns gleich in die Praxis springen, uns darin suhlen, mit Fehlern und Umwegen, Neugier, Spielereien und Albernheiten. Und später, viel später, nachdem die Praxis in unseren Hirnen verankert war, erst dann kam die Theorie und plötzlich war sie einleuchtend und gar nicht mehr so schwer. Schneller war es dann auch noch.

Als ich zurück kehrte, begann ich Nachhilfe in Mathe zu geben. Mr J. saß mir dabei gedanklich immer auf der Schulter. Das schönste Geschenk, was ich für mich hierbei herauszog, war nicht das Geld, welches ich mit der Nachhilfe verdiente, auch wenn das natürlich eine der ersten Motivationen war. Auch war es nicht die Verbesserung der Noten meiner Nachhilfeschüler, das erfreute mehr die Eltern. Nein, das wirklich großartigste Geschenk war zu beobachten, wie meine Nachhilfeschüler Schritt für Schritt ihre Angst vor Mathe verloren.

Viele meiner Schützlinge waren schon über längere Zeit mit den ach so häufig mit Mathe assoziierten Bauchschmerzen in den Unterricht gegangen, es war für sie das klassische Angstfach; bereits in der Unterstufe. Mich stimmte das traurig, tut es heute noch. Was mir damals vermehrt auffiel, war die Haltung einiger Erwachsener um diese Kinder herum. Auf der einen Seite wurden schlechte Noten missbilligend zur Kenntnis genommen oder sogar bestraft, gleichzeitig jedoch wurde geradezu damit kokettiert, selber auch nie gut in Mathe gewesen zu sein.

Wie sollen Kinder offen an dieses Fach herangehen können, wenn um sie herum immer wieder erwähnt wird, dass Mathe ja so schwer sei, dass man später eh nie bräuchte, was in der Schule durchgenommen wird und ab und an, viel zu häufig nicht ohne einen gewissen Stolz, eingeworfen wird, man habe Mathe selber ja nie gekonnt und es sei ja trotzdem etwas aus einem geworden. Der Gipfel meines Frustes wird endgültig erreicht, wenn dann noch jemand ankommt und anmerkt, Mathe sei ja auch ein typisches Jungenfach, Mädchen müssten doch nun wirklich nicht gut in Mathe sein, das sei doch nicht nötig. Herrje! Wie soll man da kein Unbehagen entwickeln? Was sind das bitte für Vorbilder? (Ich lasse hier bewusst und aus purem Selbstschutz einen Exkurs über dieses unsägliche T-Shirt von Otto, welches kürzlich durch die Medien geisterte, aus. Mein Blutdruck wäre nicht mehr messbar und das will ja nun wirklich niemand. Schon gar nicht mein innerer Zahlen-Monk.)

Ich behaupte ja nicht, dass jedem Mathe leicht fallen sollte, jeder hat andere Vorlieben und Talente. Ich habe es ja auch nicht so mit der Kommasetzung. (Verzeihung!) Aber diese künstlich aufgebaute Barriere, hoch errichtet schon weit bevor es wirklich zur Sache geht, die hilft keinem. Ein bisschen mehr Offenheit gegenüber der Mathematik, eine Entdämonisierung des vermeintlich klassischen Angstfaches, vielleicht als ersten Schritt zumindest eine neutrale anstelle einer negativen Darstellung, ich denke, dass könnte auch Mathelehrern die Arbeit erleichtern. Die meisten von denen sind nämlich gar keine weltfremden, in Theoriekonstrukten lebende Monster, die kleine Kinder quälen wollen. Ehrlich nicht. Die freuen sich auch, wenn da ein Kind sitzt und nicht eine “Kann ich eh nicht, ist viel zu schwer, muss ich ja auch gar nicht können”-Haltung hat. Ich bezweifle stark, dass Kinder mit “Das kann ich einfach nicht”-Einstellung geboren werden und doch scheint mir Mathe das Fach zu sein, welches am häufigsten mit dieser Aussage in Verbindung gebracht wird. Völlig bauchgefühlt und natürlich somit statistisch gänzlich unaussagekräftig. Egal, irgendjemand sagte mir letztens, mein Bauchgefühl sei gar nicht so schlecht.

Ich würde mir wirklich wünschen, dass es nicht mehr uncool ist und ich nicht verschreckt und etwas mitleidig angeschaut werde, wenn ich sage, dass ich Zahlen und Mathe mag. Ich möchte, dass es nicht mehr cool ist, Mathe per se doof zu finden. Man muss sie nicht lieben, aber Angst vor Mathematik zu haben, ist auch nicht notwendig.

Zwei kleine Spielereien aus der Zeit mit Mr J., die mir auch heute noch sehr präsent sind, habe ich verbloggt. Es sind sehr simple Ansätze zu Multiplikationen, die mich aber begeistern, weil sie sich von der Abstraktheit, die bei Mathe häufig mitschwingt, ein wenig weg bewegen hin zum pragmatischen Ansatz und meinem Laieneindruck nach auch unterschiedliche Lerntypen besser ansprechen. Einfach mal eine andere Herangehensweise, ein anderer Blickwinkel. Ich bin gespannt, vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen auch.

Japanische Multiplikation

Kann Micky Maus das auch?

P.S. Ich wünsche mir zum Geburtstag ein neues mathematisches Zeichen, zumindest für meine Überschrift, dafür hätte ich nämlich gerne dieses benutzt:

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Kann Micky Maus das auch?

Eines Tages kam Mr J. in den Klassenraum, fletzte sich auf dem letzten Halswirbel sitzend auf den Stuhl, legte die Füße aufs Pult und begann seine Hände zu schütteln, als ob er Nagellack zum trocknen bringen wollte. Wir waren sichtlich verwirrt. Dann bat er uns, ihm zwei Zahlen zwischen Sechs und Zehn (jeweils einschließlich) zu nennen, er würde diese miteinander multiplizieren. Hä? Das kleine Einmaleins ist ja nun nicht gerade etwas, was einen Mathelehrer herausfordert. Wir verstanden nicht, was er von uns wollte, nannten ihm aber zwei Zahlen. Er hielt einen Finger der einen Hand an einen anderen Finger an der anderen Hand und sagte uns das Ergebnis. Wir waren nicht wirklich beeindruckt. Das Schauspiel wiederholte sich und noch immer waren wir mehr um seinen Geisteszustand als um einfache Multiplikation besorgt.

Schließlich löste er das ganze auf. Die Finger an jeder Hand entsprechen den Zahlen von Sechs bis Zehn wie folgt:

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Hält man nun die beiden Finger der entsprechenden Zahlen aneinander (egal wie herum natürlich), so gibt es einmal die Finger, die sich berühren plus die dadrunter, sowie die Finger, die über den beiden einander berührenden liegen.

Auf folgendem Bild einmal ganz elegant nachtgestellt haben wir die Operation 8*7. Die Anzahl der Finger, die sich berühren plus die darunter, ist 5 – das sind die Zehner. Die Finger, die darüber liegen, hier zwei links und drei rechts, werden miteinander malgenommen, hier also gleich 6 – das sind die Einer. Ergo: 8*7=56 (Ach was! Ich weiß)

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Noch ein kleines Bilderbeispiel für 9*6. Fünf Finger mit Berührung und darunter, also 5 für die Zehner. Darüber 1*4, also 4 für die Einer und schon haben wir 54.

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Das funktioniert auch bei 6*6, da haben wir 2 für die Zehner und 4*4 für die Einer, also 20+16=36 – klappt auch noch, oder?

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Einen noch? 7*9 mit 6 bei den Zehnern und 3 bei den Einern, tadaa: 63.

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Tja, ok, man muss das nicht sonderlich spannend finden, aber praktisch ist es schon. Und was hat das ganze nun mit Micky Maus zu tun? Hm, also wenn man Micky ist, dann hat man an jeder Hand nur vier Finger und dann stellt sich die Frage, ob das immer noch funktioniert. Und falls ja, müssen die Finger von 6-9 oder von 7-10 nummeriert werden? Oder gar bei der einen Hand so und bei der anderen so? Oder funktioniert das gar nicht? Wenn ja warum, wenn nein warum nicht?

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Das war eigentlich, was Mr J. mit uns durchnehmen wollte. Wir leiteten den Beweis gemeinsam her und ich ärger mich bis heute, dass ich die Notizen dazu leider nicht mehr habe. Aber die Antwort ist, dass Micky sein kleines Einmaleins besser im Kopf rechnen können sollte.

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Japanische Multiplikation

Ob das Folgende nun tatsächlich unter Japanischer Multiplikation allgemein bekannt ist oder nicht, und ob Schüler an japanischen Schulen tatsächlich so rechnen, weiß ich leider nicht. Mir wurde es als solche beigebracht und in Ermangelung an besseren Bezeichnungen lasse ich das so. Ich habe es in der Schule anders gelernt, kam damit auch klar, denke aber, dass die Visualisierung bei dieser Methode einige anspricht, die sich sonst vielleicht eher schwer damit tun. Und recht schnell geht es auch, zumindest bei Zahlen im dreistelligen Bereich, wenn die Ziffern nicht all zu hoch sind. Durchführbar ist es natürlich auch bei größeren Zahlen noch.

So, man nehme also die miteinander zu multiplizierenden Zahlen und malt den Ziffern entsprechend parallele Linien aufs Papier. Die zur ersten Zahl passenden Linien verlaufen von links unten nach rechts oben, die zur zweiten Zahl passenden im rechten Winkel dazu von links oben nach rechts unten. Und weil ich das mit Worten nicht so schön klar beschreiben kann, hier ein Bildchen dazu. Man folge den Pfeilen:

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Und dort wo sich die Linien schneiden, bekommen wir Schnittstellen. Die Schnittstellengruppen, die jeweils untereinander stehen gehören zusammen. Wenn man ordentlich malt, erkennt man das leicht, ich habe mir für Euch die allergrößte Mühe gegeben, zur Verdeutlichung aber noch ein paar rote Kringel dazu gemalt. Tadaa:

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Jetzt noch flugs die Schnittstellen zählen:

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Und zum Schluss noch etwas aufräumen. Die einstelligen Zahlen werden quasi nur “heruntergezogen”, bei den zweistelligen wird die Zehnerstelle, wie man das bei Zehnersprüngen in der Addition kennt, als Zusatz bei einer Stelle weiter links addiert. Bah! Mit Worten geht das natürlich wieder nicht so toll zu beschreiben, also unten aufs Bildchen gucken und einfach den Schritten von A nach G folgen:

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Und zack! Da hat man das Ergebnis:

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