Zehn(+) Bücher

Am Samstag listete die von mir sehr geschätzte und gern gelesene Christine Finke, alias “Mama arbeitet“, auf FB zehn Bücher, die sie irgendwie begleitet bzw. eher geprägt haben. So war es ihr als „Aufgabe“ gestellt worden und so forderte sie einige andere auf, es ihr gleich zu tun, so auch mich.
Ich finde es, wie wahrscheinlich die meisten, nicht ganz einfach, mich auf zehn Titel zu beschränken und vor allem, wenn ich schon nur zehn auswähle, das ohne Begründung stehen zu lassen. Daher jetzt hier meine Auflistung, mit Begründung, aber ohne explizite Reihenfolge.

1) “Madita” von Astrid Lindgren. Im Grunde steht Madita stellvertretend für alle Bücher dieser wunderbaren Autorin. Warum dieses und nicht Pippi oder Ronja? Weil Madita bei uns in der Familie durch meinen kleinen, damals noch kaum sprechenden, Bruder zum Synonym für „Sonntagmorgens von Oma im Bett mit Kakao und Buchstabenkeksen vorgelesen bekommen“ gemacht wurde.

2) “Die Kinder aus No. 67″ von Lisa Tetzner. Ich kann tatsächlich nicht so recht den Finger drauf legen, warum mir ausgerechnet dieses Buch, bzw. die zu diesem Titel gehörigen vier Bände, in Erinnerung geblieben sind. Aber allein die Tatsache, dass gerade dieser Titel mir nach über 20 Jahren im Kopf geblieben ist, sagt ja schon einiges aus. Ich erinnere mich noch daran, wie diese Bücher aussahen, dass ich sie verschlang und gebannt die Handlung verfolgte. Ich habe damals unheimlich viele Bücher der Jugendbuchreihe vom dtv gelesen, meist zwei bis drei Jahre vor dem jeweils empfohlenen Alter, weil ich alle anderen bereits durch hatte. Ich möchte diese Bücher auch heute noch einmal lesen. Das alles zusammen, finde ich, qualifiziert es definitiv für diese Liste.

3) “Der Medicus” von Noah Gordon. Ich befürchte, ich habe dieses Buch gelesen, als ich noch viel zu jung dafür war, es wirklich gut zu verstehen. Ich las es, als ich krank war, an einem Tag durch. In Erinnerung geblieben ist mir meine Faszination mit einer ganz bestimmten Szenenbeschreibung. Ich lasse mal offen, welche Szene das war, der eine oder andere wird es ahnen können. ;) Auch ein Buch, welches ich sicherlich bald mal wieder lesen werde.

4) “Sofies Welt” von Jostein Gaarder. Ich konnte mit Philosophie nicht viel anfangen, auch heute noch reizt mich das Thema nicht unbedingt, ist eher eins von dem ich denke, ich müsste mich doch eigentlich mal mehr damit beschäftigen, aber die richtige Begeisterung kommt nicht auf. Und genau das macht dieses Buch besonders für mich, denn ich las es tatsächlich sogar drei Mal. Allerdings zwei Mal davon nur in Teilen, nämlich jeweils einmal die Briefe von Sophie und einmal von dem alten Mann, in der dritten Runde dann von vorne bis hinten wie ein normaler Leser.

5) “Flowers in the Attic” von Virginia C. Andrews. Dieses Buch, das erste einer mehrbändigen Reihe, wurde mir von einer englischen Freundin empfohlen, als ich begann wirklich Englisch zu lernen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits vier Jahre lang Englisch in der Schule gehabt, tat mich aber schwer damit, Bücher auf Englisch zu lesen, weil ich mich immer damit verrückt gemacht habe, nicht jede Vokabel zu verstehen und somit meinte, sie nachschlagen zu müssen. Das hat mich natürlich vollkommen aus jeglichem Leserhythmus gebracht und mir den Spaß an englischsprachiger Lektüre vermiest, bzw. in der Schule zur Qual gemacht. Die Empfehlung wirkte: es war so geschrieben, dass man die Bedeutungen aus dem Kontext gut erfassen konnte, auch wenn zu Beginn noch recht viele Vokabeln pro Seite fehlten. Ich war derart gebannt von der Geschichte, die zusätzlich auf einer wahren Begebenheit beruhen sollte und mich daher doppelt faszinierte und gruselte, dass ich meinen Perfektionsdrang, absolut alles genau verstehen zu wollen, sehr schnell vergaß.

6) “Lysistrata” von Aristophanes. Da mir nicht nur die eine sondern auch die andere tote Sprache in der Schule vorgesetzt wurde, gab es dieses Stück im Original, also auf Alt-Griechisch, zu lesen, wobei „zu übersetzen“ es wohl eher trifft. Solche Übungen haben mir zumeist wenig Spaß gemacht, jedoch war dieses Werk von unserem großartigen Referendar vorzüglich gewählt. Die Aufmerksamkeit einer Horde pubertierender Schüler ist eben am besten mit den versauteren Werken der alten Griechen zu gewinnen, und davon haben die eigentlich einige zu bieten. Der Referendar setzte dann noch einen drauf und versah eigenhändig die Comic-Version (ich meine zu erinnern, dass die von Ralf König war) mit den Originalsätzen. So klappt‘s auch mit den „Sorgenschülern“.

7) “Romeo and Juliet” von William Shakespeare. Im Original und im Grunde unter Zwang, da im Englisch Leistungskurs, gelesen. Aber der Schönheit der Sprache von Herrn Shakespeare konnte selbst der Interpretationswahn meiner Englischlehrerin nichts anhaben. Zum Glück! Denn viele andere gute Bücher hat mir diese Dame mit ihren absurden Aufsatzthemen echt ruiniert.

8) “Financial Accounting” von Libby, Libby and Short. Ein echtes Fachbuch, ja. Noch dazu eines, welches man vom Umfang her äußerst effektiv gegen Einbrecher einsetzen könnte, sofern man genug Muskeln hat, es hochzuheben. Aber es hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, denn es ist derart sinnvoll strukturiert und angenehm geschrieben, dass ich es relativ mühelos im Selbststudium durcharbeiten und mich zu einer sehr erfreulichen Klausurnote bringen konnte, obwohl ich die 30 Kontaktstunden mit dem Prof zu diesem Thema komplett verpasst hatte. So müssten alle Lehrbücher aufgebaut sein.

9) “Call the Midwife” von Jennifer Worth. Hach! Einfach nur hach! Ganz zauberhaft geschriebene Lebenserinnerungen einer Hebamme und Krankenschwester im Londoner East End der Nachkriegszeit. (Und nicht minder zauberhaft von der BBC filmisch als Serie umgesetzt.) Man lebt die Geschichten mit, lacht, leidet, weint, ist berührt und erfährt nebenbei noch sehr viel über die Anfänge der NHS, den schon (für mich zumindest) recht beeindruckenden medizinischen Wissensstand dieser Zeit (mit sehr beschränkten Mitteln), überhaupt über den herrschenden Zeitgeist und Auswirkungen dunklerer Kapitel der englischen Geschichte (Stichwort Work Houses). Darüber hinaus fand ich die Ausführungen zum Cockney Rhyming Slang wahnsinnig interessant. Cockney wird gerne mal zu Unrecht mit „ungebildet“ oder „primitiv“ assoziiert, dabei steckt so viel mehr dahinter und es ist eigentlich eine wahnsinnig clevere und komplizierte Sprachvariante.

10) “Stasiland” von Anna Funder. Uff! Das war das vorherrschende Gefühl, welches ich bei dieser erst kürzlich genossenen Lektüre hatte. Aber ein interessantes ‚uff‘. Die Autorin ist Australierin, die Deutsch spricht und sich in Berlin 1994/96 auf die Suche nach Geschichten von Opfern und Tätern rund um die Stasi macht. Das ist noch so frisch, noch so wenig „Geschichte“ mit der normalerweise damit assoziierten zeitlichen Distanz, dass es einem nicht leicht fällt, sich immer wieder daran zu erinnern, dass dies kein Roman ist. Über Vieles was ich las hatte ich bereits gehört oder davon gelesen, aber dennoch, diese recht kompakte Zusammenstellung und die Verknüpfungen der verschiedenen Begebenheiten durch die Empfindungen und Gedanken der Autorin selber, ergeben einen irre lesenswerten und lehrreichen Einblick in ein, in meinen Augen noch viel zu wenig adressiertes und erst recht nicht aufgearbeitetes, Kapitel der ganz jungen deutschen Geschichte.

Da ich mich partout nicht entscheiden konnte und ich außerdem als Zahlenliebhaber mit der 13 ein ganz besonderes Liebesverhältnis pflege, gibt es hier noch drei Bonus-Bücher:

a) Aus vergangener Zeit ist das “Die Welle” von Mortin Rhue. Ich glaube kaum, dass eine Erklärung notwendig ist, warum dieses Buch einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat. Wer das nicht nachvollziehen kann, hat es entweder nicht gelesen, und sollte dies dann schleunigst nachholen, oder mir erklären, warum er das nicht nachvollziehen kann. Das würde mich wirklich interessieren.

b) Und kürzlich, gerade erst im Urlaub gelesen, “The Rosie Project” von Graeme Simsion. Es sprach mich einfach an, ich habe lange nicht mehr so viel gelacht beim Lesen eines Buches, mich gleichzeitig mit dem Hauptcharakter so wohl gefühlt, mit ihm und für ihn gelitten, mich mit ihm zum Teil identifizieren können und ach, lest es einfach.

c) Ebenso gerade im Urlaub verschlungen habe ich “Dachdecker wollte ich eh nicht werden” von Raul Krauthausen. Ich wäre ja dafür, dass das in Schulen gelesen wird. Und auch sonst wo. Von ganz vielen. Denn es ist einfach gut! Authentisch, ehrlich, berührend, informativ und lehrreich.

Andere zu ‘nominieren’ lasse ich an dieser Stelle aus, aus Gründen.

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London X – Epilogue

Bereits drei Monate ist es her, dass ich aus London zurück kam. Auch wenn es nur fünf Tage waren, so schwingt noch immer viel Gefühl von dieser Reise in mir und meinen Gedanken umher. Als ich abflog wusste ich nicht, ob ich meinen Großvater noch einmal sehen würde, das machte die Abfahrt schwer. Gleichzeitig war ich voller Emotionen über das erste Wiedersehen nach vier Jahren mit der Stadt, in der ich mich lange Zeit absolut zu Hause gefühlt habe. Auch das Wiedersehen mit einigen Freunden stand an und ich war aufgeregt, freudig, erwartungsvoll. Es waren grandiose fünf Tage. Einfach nur wunderbar und genau richtig mit all den Kleinigkeiten und Besonderheiten.

Als ich wieder in Hamburg landete, bin ich direkt vom Flughafen zu meinem Großvater gefahren. Ich konnte ihm noch erzählen, wie schön ich seine Empfehlung in die Silver Vaults zu gehen gefunden habe und ihm zeigen, was ich mitgebracht hatte, jeweils ein Geschenk von ihm an meinen Bruder und mich. Er konnte meinem Bruder die Taschenuhr noch persönlich überreichen und einige Wochen später trug er sie bei Großvaters Beerdigung.

Ich habe die ersten Einträge sehr schnell schreiben können, mit Großvaters Tod und unserem Abschied von ihm, verschoben sich die Prioritäten. Nichtsdestotrotz habe ich gemerkt, dass mir der Abschluss dieser Reihe, auch nach so vielen Wochen, wichtig ist. Dieser Besuch war für mich eine Zäsur. Vielleicht sogar auch ein bewusstes Beenden einer (Trauer-)Phase, die mit fast vier Jahren viel zu lange gedauert hat.

Ich bin wieder hier. Ich bin wieder angekommen. Ich gehöre dort nicht mehr hin, auch wenn ich mich dort immer noch sehr wohl fühle. Es ist ok, dass ich nicht mehr dort bin. Vieles fehlt mir noch sehr, aber ich habe auch vieles hier, was ich in London nicht hatte und nicht hätte haben können. Und nun habe ich es erlebt und rede es mir nicht nur ein, dass ich emotional auch wieder in der Lage bin, jederzeit London zu besuchen, ohne dass ich meine Entscheidung, nach Hamburg zurückgekehrt zu sein, bereue.

London, I still love you deeply but now Hamburg is my home again.
So long, and thanks for all the fish.

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London IX – St. Paul’s Cathedral

Nach den Silver Vaults begebe ich mich zu St. Paul’s Cathedral. Etwas mehr als zwei Jahre habe ich das Glück gehabt, vom Schreibtisch aus auf dieses beeindruckende Gebäude gucken zu dürfen. Zeit, es mal von innen zu betrachten, hatte ich damals nicht. Aber fasziniert hat es mich schon immer, also war es diesmal ein Muss.

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Für die geführte Rundtour bin ich zu spät, aber es gibt Audioguides, mit denen man sich im eigenen Rhythmus durch die Cathedral bewegen kann. Eigentlich liegt mir das auch mehr. Während ich unter der Kuppel sitze und alles auf mich wirken lasse, probt ein Chor und ich erinnere mich an meine Chorzeiten in England zurück. In St. Paul’s habe ich nie gesungen, immerhin aber je einmal in Westminster Abbey und Exeter Cathedral. Die Akustik ist bemerkenswert.

Jede Stunde gibt es eine Miniandacht und tatsächlich, alle halten inne, respektieren die zwei Minuten Ruhe. Ich kontempliere derweil wie ich meine Höhenangst und den Wunsch, den Turm der Kuppel zu erklimmen, vereinen kann. Es sind drei Etappen, die man zu gehen hat, die erste Runde von 257 Stufen bringt einen über eine noch relativ große Wendeltreppe auf die Whispering Gallery. Von dort geht es weiter auf sehr schmalen Stufen und engen Gängen über weitere 119 Stufen zur Stone Gallery. Dort kann man am Fuße der Kuppel außen herum gehen. Noch fühlt es sich alles gut an.

Die nächste Etappe, weitere 152 Stufen, erfordert all meine Konzentration. Die Stufen bestehen hauptsächlich aus so Gittern und man da durch nach unten schauen, was ich mir die ganze Zeit leise vor mich hinmurmelnd verbiete. Bzw. ich versuche es in der positiven Variante: just look up, only look up, one step at a time.

Als ich oben angelangt bin, erwartet mich die Belohnung, ein wahnsinnig schöner Blick. Einmal rund herum auf London. Ich bekomme eine Gänsehaut.

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Blick nach Südwesten

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Blick auf das Dach des Naves

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Blick direkt nach Süden…



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…auf die Tate Modern.

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Shakespeare’s Globe

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Im Osten eine für mich neue Skyline

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Beloved Tower Bridge

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In einem davon war mein Büro

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Richtung Norden eher nicht so spannend..

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..naja, mit Zoom wird es interessanter.

Die 528 Stufen wieder hinabzusteigen ist etwas schwieriger, zumindest in der ersten Etappe. Nicht runter zu gucken, aber einigermaßen sicher die Stufen zu erwischen, ist eine Herausforderung. Aber ich habe ja Zeit und gehe ganz langsam. Eimer vs. Höhenangst 1:0.

Es geht weiter zu V, die mich noch zum Abendessen eingeladen hat. Wir quatschen uns den Mund fusselig. Es ist ein wenig so wie damals, als wir noch zusammen wohnten. Der Abschied fällt leichter, wir sind wieder drin. Ein schöner Abschlussabend dieser Reise.

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London VIII – Silver Vaults

Montag früh vor Tau und Tag mache ich mich auf nach Holborn, um erneut und diesmal mit mehr Zeit, in die Silver Vaults zu gehen. Wie bereits am Samstag wird am Eingang kurz, aber aufmerksam in meinen Rucksack geschaut und beim Anblick meiner Kamera eine Ermahnung über das Photographierverbot ausgesprochen. Dieses gilt allerdings nur in den Gängen. In den einzelnen Vaults darf, mit Einverständnis der Ladeninhaber, dann doch photographiert werden.

Ich lasse mich durch die Gänge treiben und schaue erstmal nach Läden, die Taschenuhren anbieten. Das sind nur wenige, einer hat sich insbesondere darauf spezialisiert. Das macht sich auch sofort in den Besonderheiten und somit auch Preisen für die einzelnen Stücke bemerkbar. Auch als ihm klar wird, dass seine Uhren meilenweit außerhalb meines Budgets liegen, erklärt mir der ältere Herr in diesem Vault mit einer ansteckenden Begeisterung die Mechanik der verschiedenen Uhren. Einige können nicht nur zur Stunde schlagen, sondern präzise über verschiedene Töne die genaue Zeit angeben. Ich staune und vertrödele so mal eben vollkommen fasziniert mehr als eine Dreiviertelstunde. Es wird aber schnell deutlich, dass die Taschenuhr, die ich bereits am Samstag fand, genau die richtige und auch noch im Preis vertretbar ist.

Als ich dem Laden (Vault 7) wieder auftauche, strahlt mich der Besitzer an und sagt grinsend zu seinem Bruder, er habe doch gewusst, dass ich wieder käme. Und mir erzählt er, dass ein anderer Ladeninhaber ihm eigentlich Samstag noch die Uhrenkette hatte abkaufen wollen, er ihn aber meinetwegen auf Montagabend vertröstet hatte. Ich unterhalte mich noch einige Zeit mit den Brüdern und schaue dabei schon mal hie und da auf Preise für Teekannen. Denn ebenso, wie ich im Großvaterauftrage etwas für meinen Bruder besorgen soll, hatte er mir aufgetragen, mir auch selber was Hübsches zu kaufen. Als begeisterter Teetrinker liegt da eine entsprechende Kanne nahe.

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Man weiß nicht, wohin man zuerst schauen soll

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Verdammt großer Sektkühler in der Mitte.

Ich stromere durch verschiedene Läden, schaue verschiedene Modelle an, vergleiche Preise, lasse mir die Stempel erklären, die Aufschluss über Jahr und Herstellungsort geben. Generell habe ich immer wieder einfach angenehme Unterhaltungen mit den Verkäufern. Einer vermutet mich aus Australien. Ich versteh das nicht. Erst recht nicht, seit ich die Aussies vor Ort hab reden hören. Nein, so klingt mein Akzent nun wirklich nicht.

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Diverse Kannen und andere Behältnisse.

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Dinge, die meiner Oma gefallen hätten.

Ich komme zu Vault 53, der, wie man mir sagte, mehr “Frauen-Dinge” haben soll. Mich sprechen die jetzt weniger an, ich brauche keine mit Emaille besetzten Döschen oder Handspiegel, aber ich mag sofort die warme Ausstrahlung, die mir von Linda entgegen kommt. Sie hat die für mich angenehme Mischung aus Aufmerksamkeit schenkend und in Ruhe gucken lassend. Ich schaue mich um, lasse mir eine Kanne zeigen, die mir gefällt und bin über den Preis sehr überrascht. Kannen im gleichen Stil aus ähnlichen Jahren und Manufakturen habe ich in anderen Vaults für einiges mehr gesehen. Es stellt sich später nach weiterer Recherche heraus, dass dies aber aus mehreren Gründen Sinn ergibt, nur mit schlechterer Qualität hat es zum Glück nichts zu tun.

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Das ist dann mehr meine Farbe.

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Die wiederum nicht so.

Linda bedient auch gerade eine Japanerin, die einen massiven Großeinkauf tätigt und ich signalisiere ihr, dass ich an der Kanne interessiert bin, aber später wiederkommen werde. Ich schaue mir zwischenzeitlich noch weitere Vaults an und kehre dann zu Linda zurück. Wir halten ein Schwätzchen, ich schaue mir noch die Taufbecher genauer an und schlage dann zu. Sie bittet darum, mir die Kanne erst später zuschicken zu dürfen. Ich gucke verdutzt. Sie würde sie gerne noch für mich überarbeiten und ordentlich polieren lassen, ohne Aufpreis, und dann auf ihre Kosten zu mir nach Hause schicken. Prima, dann muss ich das Ding jetzt nicht mitschleppen. Ich bin begeistert. (Es klappte auch hervorragend.)

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Kleiner Laden, große Auswahl. Vault 53.

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Tauf- und Sahnebecher.

 

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Miniaturgedöns.

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Noch mehr Miniaturgendöns.

Während vorhin noch die Japanerin bedient wurde, konnte ich ein paar Photos machen. Es ist nicht ganz einfach mit der Beleuchtung und ich hab auch wenig Ahnung davon, wie man mit den ganzen Glasfronten, Spiegeln und Lichtern am besten umgeht, aber als Teaser sind sie nicht ganz schlecht. Ich würde ohnehin jedem empfehlen, sich das alles selber anzuschauen. In Ruhe und mit viel Zeit. Und dann auch auf jeden Fall in Vault 7 bei Howard Linden und Vault 53 bei Linda Jackson vorbeizuschauen. Die beiden waren mir am sympathischsten. Und das lag nicht daran, dass ich dort etwas kaufte und dass die dort daher besonders freundlich und offen zu mir waren, sondern weil sie so waren und ich dort fand was ich suchte, kaufte ich dort besonders gerne.

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Schalen

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Noch mehr Dinge, die Oma gefielen.

Als ich in einer großen Schüssel mit Löffeln wühlte, war Linda auch sehr pragmatisch und unkompliziert: Kipp doch einfach alle auf den Teppich, dann siehst Du auch die, die ganz unten sind. Gesagt, getan.

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“Kipp einfach alles aus! Dann kannst Du besser schauen.”

Ich hätte sicherlich noch mehr Zeit dort verbringen können, aber wohl besser nach einer Pause, man hat sich irgendwann an Allem etwas übersehen. Die Augen springen hin und her und wenn man nicht recht gezielt guckt, dann kann es einen alles optisch erschlagen. Aber selbst wenn man nichts Konkretes sucht, was es mir einfacher machte, fokussierter in die großen Ausstellungsregale zu blicken, so wird man doch sicher auch fündig, denn auch für geringe Beträge gibt es schon schöne Stücke zu erstehen. Es gab auch noch einen Vault mit Schmuck, da hab ich aber nur ein bisschen geschaut und geschwatzt. Da ich so gut wie nie Schmuck trage, war das nur limitiert interessant für mich. Die Stücke waren aber sehr schick und durchaus nach meinem Geschmack.

Mehr über die Silver Vaults und ihre Geschichte gibt es auf dieser website. Dort findet sich auch eine Übersicht über die einzelnen Vaults und worauf die sich jeweils so spezialisiert haben. Der Tip meines Großvaters war nicht Gold wert, aber Silber, und somit goldrichtig. Und dadurch, dass ich von ihm von den Vaults erfuhr, hatte ich ihn irgendwie die ganze Zeit  bei mir.

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London VII – Sing-along with June

Sonntagabend: Nach einem wundervollen Grillnachmittag bei CC mache ich mich auf den Weg ins Duke of Kendal in Marble Arch. Dort gibt es seit Jahren am Sonntagabend den Sing-along with June. June war schon 80+ als ich das letzte Mal vor vier Jahren dort war. Meine Erleichterung und vor allem Freude war groß, festzustellen, dass June immer noch jeden Sonntag am Klavier im Duke sitzt. Als ich sie begrüße erzählt sie mir gleich, dass sie nächste Woche 89 wird, es sei ja unmöglich, dies zu verheimlichen. In meinen Augen hat sie sich tatsächlich nicht wirklich verändert.

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Duke of Kendal Pub in Marble Arch.

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June, gerade noch 88.

Sie sind wirklich etwas besonderes, diese Sing-along Abende. Das Repertoir der Lieder ist zum Großteil immer das gleiche, nur wenige Variationen, mal fällt eines weg, mal ein anderes. Bei einige Stücken singen alle mit, bei anderen werden die Strophen von den immer gleichen Stammgästen gesungen und im Refrain stimmen alle mit ein. Die meisten kennen sich seit Jahren.

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Alle singen mit, manchmal mit Soloeinlagen.

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June, Klaviervirtuosin.

Da ich im Südosten Londons wohnte und Marble Arch eher am anderen Ende liegt, konnte ich nicht ganz so häufig dort hin gehen, wie ich gerne wollte. Dennoch gibt es zwei, drei, die sich an mich erinnern und mich freudig begrüßen. Man kann die Stimmung nicht in Worte fassen, man muss es erlebt haben. Alles scheint einer ungeschriebenen Choreographie zu folgen, bis hin zur Endzeremonie, die auch immer die gleiche ist und bei der sich alle überkreuz an den Händen halten und beim Singen schunkeln. Das mag vielleicht kitschig klingen und ist auch irgendwie aus einer ganz anderen Zeit und doch ist es jeden Sonntag wieder eine einmalige und lohnenswerte Veranstaltung.

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Verkleiden tut sich meist nur dieser eine Herr für seine Soli.

Die meisten Lieder waren mir vor meinem ersten Sing-along gänzlich unbekannt, damals konnte ich nach ein paar Besuchen die meisten Refrains recht schnell mitsingen. Zu meiner großen Freude ist auch noch vieles im Kopf und ich singe strahlend mit. Ein Lied, von dem ich damals schon nicht herausfinden konnte, wie es heißt oder woher es stammt, wird heute wieder gesungen. Im Refrain wird sich im Kollektiv mit obszönen Handgesten über Hitler lustig gemacht (inklusive der einen oder anderen Beleidigung gegen Deutsche). Wie die meisten Lieder hier stammt es aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Als J, ein Stammgast und -sänger, sich nach diesem Lied wieder neben mich setzt, wird ihm plötzlich bewusst, dass ich ja Deutsche bin und fängt an sich zu entschuldigen. Ich finde das charmant, ich habe mich, weder heute noch damals, in irgendeiner Weise dabei angesprochen oder gar angegriffen gefühlt. Mich hat das immer eher amüsiert. So wie die meisten Lieder eher humoristisch und zum Teil sehr frech sind. Meinen sense of humour hat es zumindest immer getroffen.

Zwei wunderbare Stunden, in denen ich für eine Weile vergaß, je von hier weg gewesen zu sein, sind vergangen. Auf dem Heimweg muss ich aufpassen, nicht aus Gewohnheit nach Hause zu fahren. Ich falle glücklich, hundemüde und mit diversen Ohrwürmern ins Bett.

Ein kleiner Eindruck, was für Lieder hier so gesunden werden:
Sogar direkt eine Aufnahme aus dem Duke: The Vegetable Song
Ein absoluter Klassiker des Sing-along: Lily The Pink
Ebenso Stamm-Repertoir: My Old Man Said Follow The Van,
I’m Henery the Eighth, I am,
He’d Have To Get Under, Get Out, And Get Under,
Who Do You Think You’re Kidding (Dad’s Army Theme Song)
Gibt es in diversen Variationen, diese kommt der im Duke wohl am nächsten,
ab 0:39: Knees up mother brown
In anderem Arrangement, aber auch einer der Klassiker: Outside The Lunatic Asylum
Zum Ende hin gibt es dann: Maybe it’s because I’m a Londoner und We’ll Meet again.
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London VI – Perfekter Sonntag

Ich wache auf und bemerke als erstes meine schmerzenden Beine. Sie lassen mich lachen. Ich bin vermutlich in einem Jahr London damals nicht so viel zu Fuß gegangen, wie gestern. Nach einem ausgiebigen Frühstück nehme ich die Tube nach London Bridge und gehe zum London Stress Exchange. Das war schon damals die erste Adresse, wenn es um hervorragende Massagen geht. Gut durchgeknetet gehe ich zur Tower Bridge.

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Tower Bridge.

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Tower Bridge.

Leider gibt es kaum einen Winkel aus dem man nicht noch irgendwas anderes mit auf die Bilder bekommt. Laternenmasten, Läden, Autos oder Touristen. Die besten Bilder bekäme man vermutlich vom Wasser aus. Ich könnte stundenlang auf dieser Brücke Zeit verbringen.

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Shad Thames.

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City Hall und The Shard.

 

Es gibt auf ihr und von ihr aus so viel zu sehen, die Perspektive auf die Stadt ist jeden Schritt weiter eine andere. Von Süden aus nach Osten in die Straßen von Bermondsey blickend oder nach Südwesten gedreht entdecken, dass aus dem “Rennhelm” City Hall jetzt The Shard wächst.

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St. Katharine’s Pier und Docklands

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Die Neuen sind von überall sichtbar.

 

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Tower Bridge Bogen.

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Noch mehr Baustellen.

 

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The Shard

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Tower Bridge Plakette.

 

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Tower Bridge.

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Freundliche Hilfe für die französischen Touristen.

 

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Wirklich von überall…

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Tower Mauer.

 

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Aus alt wächst neu.

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The Walkie Talkie.

Auf der Nordseite angelangt, stelle ich erstmal fest, dass Tower Hill Station geschlossen ist und gehe so noch ein weiteres Stück zu Fuß bis zu Bank. Dabei komme ich dann doch mal näher an The Walkie Talkie vorbei. Die gekrümmte Seite ist abgehängt, ich vermute mal aufgrund dieses un-günstigen Vorkommnisses.

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Yum!

Von Bank aus düse ich gen Norden weit raus in die Pampa, um zum Grillen zu CC zu gehen. Das Wetter ist ein Traum und wir verbringen den gesamten Nachmittag bei ihr im Garten. Es fühlt sich alles perfekt an. Ich fühl mich angekommen, zu Hause, ausgeglichen und selbst der Abschied fällt nicht all zu schwer. Ich spüre, dass ich emotional soweit bin, ich kann wiederkommen und es wird auch nicht wieder so lange dauern. Gut gelaunt mache ich mich auf den Weg nach Marble Arch. Dazu mehr in Teil VII.

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London V – These boots are made for walking…

Samstagvormittag: Nachdem ich mein Frühstück am frühen Morgen auf dem Boot genossen habe, mache ich mich auf den Weg nach Holborn. Ich will noch kurz bevor ich verabredet bin in den Silver Vaults vorbeischauen, um abschätzen zu können, wie viel Zeit ich dort für Montag veranschlagen will.

Am Eingang der Vaults wird freundlich darum gebeten, in meinen Rucksack schauen zu dürfen. Selbstverständlich kein Problem. Mir wird mitgeteilt, dass ich keine Photos machen darf, auch kein Problem, wenn auch schade. Ich hüpfe flott die Treppenstufen hinab und finde mich, nach zwei Mal um die Ecke biegen, in einem langen Gang wieder, in dem rechts und links alle paar Meter schwere Tresortüren mit armdicken Riegeln zu den verschiedenen Shops führen.

Ich habe nur ungefähr eine halbe Stunde Zeit, einen ersten Eindruck zu gewinnen und nutze diese für zwei Gespräche, an deren Ende ich weiß, dass ich Montag definitiv mindestens zwei Stunden benötigen werde, mindestens. Außerdem habe ich eine wunderschöne alte Taschenuhr gefunden, die ich möglicherweise im Auftrag meines Großvaters für meinen Bruder besorgen werde. Ich muss aber noch mal drüber schlafen.

Ich flitze wieder hoch und zurück Richtung King’s Cross. Dort bin ich mit meiner ehemaligen Mitbewohnerin verabredet. Wir wohnten zwei Jahre zusammen und haben uns seit meiner Rückkehr nach Deutschland noch nicht wieder gesehen. Wir haben uns auf der Northbound Platform der Northern Line verabredet. Ich gehe einige Male auf und ab und bleibe dann strategisch zwischen zwei Eingängen stehen und sehe in den nächsten Minuten aus, wie ein Zuschauer bei Wimbledon.

Als V um die Ecke biegt und auf mich zukommt, überkommen mich diverse Gefühle, von denen ich keine Ahnung habe, wie sie in Worte zu fassen sind. Sie hat sich optisch sehr verändert, von ein paar Photos auf Facebook hatte ich schon einen Eindruck, aber sie sieht noch um Längen großartiger aus, als auf den Bildern. Wir fallen uns in die Arme und es ist wieder da, dieses vertraute Gefühl, diese Geborgenheit, die ich so sehr vermisst habe als ich zurück ging. Mir schießen Bilder von unzähligen gemeinsamen Momenten damals durch den Kopf, ich schlucke und drück ein Tränchen weg und schon sind wir mittendrin.

Gemeinsam mit ihrer Schwester fahren wir nach Camden, ein bisschen Cliché muss eben sein, und stromern durch Camden Market während wir uns den Mund fusselig sabbeln. Wir schlängeln uns quer durch alle Gänge, durch Menschenmassen, die im Laufe des Vormittags immer mehr werden, schauen hier und da etwas länger, sind aber die ganze Zeit auf den Beinen. Ich nehme den Trubel um mich herum ganz anders war, als bei den letzten Malen, die ich hier war. Irgendwann fällt es mir auf: ich bummele und lasse mich nicht von dem Gewusel nervös machen. Ich gucke genauer hin, mache viele mentale aber auch einige richtigen Photos.

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Camden Market.

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Alte Vespas als Sitzgelegenheit.

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Leben auf großem Fuße? Oder doch einfach nur Quadratlatschenzulieferer?

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Nähmaschine. Nähmaschine. Nähmaschine. Nähmaschine. Nähmaschine. Nähmaschine.

 

Nach etwa drei Stunden gönnen wir uns noch eine Mini-Massage beim Chinesen und machen uns dann langsam Richtung tube auf. Da es Samstag und voll ist, dauert es ein wenig, bis wir drin sind, aber wir haben immer noch so viel zu bequasseln, dass es uns nicht lang erscheint. Wir fahren mit der Northern Line nach Waterloo und wollen von dort aus an der Southbank entlang bis zur Tower Bridge entlang gehen.

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London Eye bei Waterloo.

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Blick die Thames entlang nach Osten.

 

 

 

Als wir aus dem Untergrund wieder auftauchen, schaue ich hoch und erblicke das London Eye, ein so ungemein vertrauter Anblick, dass mir das Herz warm wird. Wir gehen am Wasser entlang und ich muss alle paar Meter stehen bleiben, mich umsehen, den Moment aufsaugen, alles genau betrachten. Dies war meine Hood, hier habe ich so viel Zeit verbracht, viele schöne Momente verlebt. Ich beginne, mit meinen Emotionen zu kämpfen. Ich will genießen, aufnehmen, neue Bilder schaffen, und werde doch überwältigt von alten Bildern, alten Gefühlen und vielen Erinnerungen. Tief durchatmen.

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The Cheese Grater.

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The Walkie Talkie.

Ein Blick die Thames hinunter reißt mich aus den Gedanken. Deutlich sichtbar recken sich am Horizont die zwei einprägsamsten der diversen neuen Glasbau-Hochhäuser penetrant in die Skyline. Sie kommen mir wie Fremd-körper vor, sind mit ihrer deutlichen Form auch nicht zu übersehen. Noch kann ich mich nicht so recht mit dem Anblick anfreunden. Aber wenigstens geben sie mir gerade neue Impulse.

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Holzschnitzerei auf Gabriel’s Wharf. (An der Southbank, knapp westlich der Blackfriars Bridge)

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Emblem der London, Chatham and Dover Railway auf der Blackfriars Bridge

Ich gucke jetzt noch genauer hin und entdecke nach und nach mehr Dinge, die mir bislang nicht so deutlich aufgefallen waren. Wir gehen an einem Areal, umrahmt von kleinen Geschäften, vorbei, in dessen Mitte diverse Holzschnitzereien stehen. Ich erinnere mich daran, diese Ecke mal gesehen zu haben, sie war damals schon da, aber so richtig bewusst schaue ich mich jetzt erst um. Auch beim Unterqueren der Blackfriars Bridge schaue ich etwas genauer hin und entdecke das doch recht eindrucksvolle Emblem der London, Chatham and Dover Railway.

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Seifenblasen vor der Tate Modern.

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Unter der Southwark Bridge

Als wir an der Tate Modern vorbeigehen, begeistert gerade ein Straßenkünstler diverse Kinder mit riesigen Seifenblasen. Und nicht nur die Kinder sind fasziniert, ich beobachte genauso gebannt die großen Seifenblasen, wie sie sich vom Wind in alle Richtungen treiben lassen und kann von den schönsten Exemplaren nur mit den Augen Photos machen. Beinahe verliere ich den Anschluss an V und ihre Schwester, weil ich so verträumt durch die Gegend tapse. Unter der nächsten Brücke, der Southwark Bridge, freue ich mich, eine mobile Rampe zu entdecken. Sie kommt mit zwar recht steil vor, aber einfacher als die Stufen zu überwinden scheint es mir damit allemal zu sein.

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The Anchor. Dort fand damals mein Leaving Do statt. Und auch sonst viele lustige Abende.

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Zwischen The Old Thameside Inn und einer Replika der Golden Hinde II.

Vor dem Anchor machen wir ein wenig Pause und hören einem sehr talentierten Straßenmusiker zu. V sucht noch Live Musik für ihre Hochzeit und so lauschen wir ihm eine Weile und gönnen unseren Füßen etwas Erholung. Am Ende der Clink Street liegt die Golden Hinde II vor uns, seit neuestem mit Ausblick auf die Hochhäuser. Hinter dem Schiff befindet sich mein altes Büro. Bei dem Anblick schlucke ich erneut, Gefühle überrollen mich. Als wir um die Ecke biegen und ich die Southwark Cathedral erblicke, ist es um mich geschehen.

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Southwark Cathedral, im Hintergrund und für mich neu: The Shard.

Jetzt laufen die Tränen für einige Minuten hemmungslos. Direkt vor der Cathedral habe ich viele Mittagspausen verbracht, in der Cathedral selber an einigen Weihnachtsandachten teilgenommen und generell, hier habe ich damals so viele Emotionen erlebt, von ganz furchtbar bis hin zu wundervoll und verliebt. Ich bin froh, dass ich hier mit V das erste Mal wieder entlang gehe, sie nimmt mich in den Arm, versteht, fragt nicht nach, bringt keine blöden Floskeln, sondern ist einfach nur meine wunderbare, liebe V. Wie sehr ich sie doch vermisst habe…

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Tower Bridge, my love.

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Southbank, More Place, Blick auf HMS Belfast

Ich habe mich wieder gefangen und wir gehen weiter, der Weg durch die Hay’s Galleria führt zurück ans Wasser. Von hier hat man auch wieder den direkten Blick auf die Tower Bridge. Immer wieder ein imposantes Bauwerk, welches ich auf Photos nie auch nur annähernd so beeindruckend finde, wie in der Realität. Ich stehe auf dem flussseitigen Ende des More Place und schaue zurück auf die HMS Belfast, ich erkenne sie kaum, der Hintergrund ist mir zu unruhig geworden, schon wieder diese neuen Hochhäuser. Hm.

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Wasserspiel auf More Place.

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Wasserspiel auf More Place.

Als wir uns vor vier Jahren verabschiedeten, verbrachten V und ich einen warmen Sommernachmittag auf dem More Place bei den Wasserspielen. Jetzt stehen wir wieder davor, es ist nicht ganz so schön warm wie damals, aber es ist treffend, dass wir hier unseren Marsch beenden. Wir sind jetzt sieben Stunden lang nur gelatscht, mir tun die Füße so weh wie schon lange nicht mehr. Sie ist beruflich da abgehärteter, den ganzen Tag so auf den Beinen zu sein. Wir kehren bei Dim T ein, um Dim Sum zu essen und den Tag ausklingen zu lassen. Nach dem Essen verabschieden wir uns, wir werden uns Montag noch wieder sehen, das macht es wieder einfacher.

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Tower Bridge vom More Place aus.

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The Shard vom More Place aus.

Ich geh hintenrum zurück in Richtung London Bridge Station und blicke die Schlucht des More Place hinunter. Ein sehr bekannter Blick in die eine, neuer und verstellter Blick in die andere Richtung. Ich muss mir dieses Ungetüm noch mal aus der Nähe anschauen.

 

Ich geh rüber zur London Bridge und zum Fuße des Shards. Eigentlich hatte ich auch überlegt hinauf zu fahren, der Blick von dort scheint beeindruckend zu sein. Aber man muss sich vorher auf einen Termin festlegen und ganz günstig sind die Tickets auch nicht.

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The Shard.

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The Shard.

Ich beschließe, das für ein anderes Mal aufzuheben und begnüge mich mit dem Blick von unten. Danach gehe ich von der anderen Seite zurück zur London Bridge Station und erblicke ein weiteres für mich neues Bauwerk beim Borough Market, sie scheinen Teile des Marktes nun überdacht zu haben. Ich bin aber zu müde von der ganzen Latscherei und zu emotional aufgeladen, um dort auch noch durch zu gehen, auch oder gerade weil ich dort früher viel Zeit verbracht habe. Ein weiterer Punkt auf der “nächstes Mal dann” Liste.

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Borough Market.

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Southwark Cathedral.

Mit einem letzten Blick auf die Cathedral mache ich mich auf den Weg zurück zum Boot, wo ich eine knappe Stunde später erschöpft umfalle und in tiefen Schlaf falle.

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