Wie ist denn Bahrenfeld so?

(Der folgende Text ist mein Eimer voll Senf zu dieser zauberhaften Idee des sehr geschätzten Herrn Buddenbohm.)

Hm. Weiß nicht genau. OK, normal halt. Viele Häuserblöcke mit mehreren Wohnungen, wenige Einfamilienhäuser, aber recht viele Grünflächen. Und es liegt ganz günstig, Autobahn, S-Bahn, mehrere Buslinien, man kommt von dort recht zügig überall hin. Das klingt so, als ob man schnell von dort weg will. Irgendwie trifft es das aber auch nicht ganz.

Ich habe den Eindruck, bei Bahrenfeld schwingt gefühlt immer ein Hauch von Langeweile mit, oder eigentlich mehr eine Identitätslosigkeit.

Bahrenfeld liegt ein wenig stiefgeschwisterlich eingekeilt zwischen dem hippen Ottensen und dem als vornehm erachteten Othmarschen. (Dieses wird übrigens nicht Ottmarschen ausgesprochen sondern mit langem O, auch wenn es hinter dem T liegt, ist das H ein Dehnungs-H. Aber das nur am Rande.)

Geographisch ist das mit dem “zwischen” gar nicht korrekt, zumindest nicht präzise, aber emotional schon irgendwie. Im Uhrzeigersinn von 12 Uhr aus grenzt Bahrenfeld an Eidelstedt, Altona-Nord, Ottensen, Othmarschen, Groß Flottbek, Osdorf und Lurup.

Man kennt Bahrenfeld als eine A7-Autobahn-Abfahrt, eine S1-Haltestelle, der eine oder andere weiß sogar korrekt zuzuordnen, dass der Volkspark mit Stadion (NEIN! Es heißt nicht Imtech Arena, vergesst es!), der Arena, die für mich immer noch die CoLinA ist und Dahliengarten in diesem Stadtteil liegt. Und die Trabrennbahn ist auch nicht ganz unbekannt, wenn nicht vom Pferdesport her dann zumindest von Freiluftkonzerten. Und dennoch fehlt auf den ersten Blick eine Identität.

Ich wohne jetzt erst seit 2 Jahren hier, kenne als waschechtes Hamburger Deern die Gegend aber schon etwas länger und kann dennoch nur schwer beschreiben, was sie ausmacht. Bahrenfeld hat sich in den letzten Jahren sehr verändert, nur wie? Ich kann den Finger nicht so recht drauf legen.

Ich glaube, es liegt daran, dass ich zu wenig über die historischen Fakten weiß, es ist alles eher so ein diffuses Gefühl. Also setze ich mich mal dran und recherchiere ein wenig. Vielleicht komme ich ja dem Gefühl auf die Spur.

Als Zahlenmensch zunächst ein mal ein paar Daten: Bahrenfeld gehört zum Bezirk Altona, erstreckt sich über eine Fläche von immerhin 10,5 Quadratkilometer und hatte Ende 2011 etwas über 27.000 Einwohner, mit beiden Zahlen gehört es zu den etwas größeren Stadtteilen in Hamburg. Interessanterweise gibt Wikipedia an, dass 1939 fast genau so viele wie jetzt, nämlich 26.000 Menschen, hier lebten und in 1956 dann sogar 43.000. Wo mögen die wohl alle wieder hin verschwunden sein?

In vielen Aspekten, die das Statistische Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein in den Stadtteilprofilen auflistet, ist Bahrenfeld äußerst durchschnittlich. Es lohnt sich also nicht wirklich davon etwas hervorzuheben. (Mein Zahlen-Ich kann dann später darin wühlen, ohne Euch hier damit zu langweilen.)

Die erste Erwähnung findet Bahrenfeld schon im Jahre 1256. Als kleines Dorf lag es am Bahrenfelder Marktplatz. Den findet heute kein Mensch mehr, weil es nur noch eine kleine versteckte Sackgasse in der Nähe der A7-Auffahrt ist. Ich hab mich da schon mal dumm und döselig gesucht, weil ich eine Bushaltestelle finden wollte mit der Adresse. Die liegt aber eigentlich an der Friedensallee.

Laut Wikipedia hat Bahrenfeld seinen Namen vom Ritter Otto von Bahren, der angeblich auch für die Benennung Ottensens und Othmarschens Pate stand. Jedoch meine ich zu erinnern, vor einiger Zeit noch eine weitere Möglichkeit der Namensentstehung gelesen zu haben. Natürlich fällt mir jetzt weder ein wo ich das las, noch was genau drin stand. Toller Eimer. Verzeihung.

Herrje, jetzt lese ich gerade, dass Bahrenfeld mal zur Herrschaft Holstein-Pinneberg gehörte. Wie gut, dass das nicht so blieb, wer will schon mit PI rumfahren. Aber es wurde auch mehrfach an Hamburg oder das Kloster Harvestehude verpfändet, so im 14./16. Jahrhundert. Ab 1547 wurde es Ottensen zugeordnet, 1867 wurde es preußisch und 1898 nach Altona eingemeindet, welches dann wiederum 1938 nach Hamburg eingemeindet wurde. Ganz schön umtriebig, dieses Dorf.

Ende 19. Jahrhundert siedelten sich die ersten Industriebetriebe an, wohl als Folge der damals neuen Altona-Blankenese Eisenbahn und vom Anfang 20. Jahrhundert hat Bahrenfeld dann wohl seinen Ruf als Arbeiterstadtteil, da zur der Zeit die vorstädtischen Arbeitersiedlungen hier entstanden. Klingt einleuchtend.

Was das so für Betriebe waren konnte ich bislang nicht finden, nur zum Alten Gaswerk fand sich etwas mehr. Das kann man hier lesen, bevor ich noch weiter ausschweife. Ich erinnere mich gerade daran, dass wir Ende der 90er im Alten Gaswerk eine unserer Abiparties feierten. In eben so einer Rotklinker-Industriehalle. Das war eine Spitzenlokalität für derlei Parties. Ich bin kurze Zeit danach aus Hamburg weggezogen und in der Zwischenzeit hat sich da einiges getan.

Das ganze Areal wurde entwickelt, das Hotel Gastwerk befindet sich jetzt dort, viele Wohnungen und Geschäfte, aber man sieht die alten Fassaden noch und in der Gasstraße gibt es nach wie vor Kopfsteinpflaster und irgendwo auch Schienen auf dem Gelände. Ich mag die Ecke dort mit Supermarkt, HASPA, Bäcker, Apotheke und dergleichen auf einem Haufen und außerdem für mich in Fußnähe das Shovel Road. Dort kann man Billard spielen und es läuft eigentlich immer gute Musik. Ich glaube es ist Rock, ich kenne mich da nicht so aus mit den Genres, aber mir gefällt es.

Diese Neuentwicklung sah für mich auf den ersten Blick immer als recht durchdacht angelegt aus. Als ich aber vor andertalb Jahren mit einem blinden Freund von mir dort spazieren ging, um zu sehen, ob die Gegend für ihn zum Wohnen in Frage käme, merkte er recht schnell an, dass er sich dort nicht gut orientieren kann. Halb Fußgängerzone, halb Parkplatz, halb Straße mit schlängeligem Fußgängerweg, das hat schon fast etwas vom Shared Spaces Konzept und das ist leider so gar nicht inklusionskompatibel.  Das finde ich echt schade, denn da wurde ein Gelände komplett neu entwickelt. Und auch wenn es für mich und viele andere super ist, mit ein bisschen mehr Aufmerksamkeit und Achtsamkeit hätte man daraus sicher weitaus mehr machen können. (Und daran, dass ich von drei Hälften (!) spreche, kann man merken, wie sehr mich das beschäftigt.)

Am Rande des Alten Gaswerk Geländes liegt das fiktive 14. Polizeikommissariat der ARD-Vorabendserie Großstadtrevier.  Wenn gerade Dreharbeiten laufen kann man häufig Jan Fedder entspannt beim Päuschen vor dem Gebäude sitzen sehen und gelegentlich fährt ein falscher Peterwagen an einem vorbei, zu erkennen an der schwarzen Verhüllung des Dachaufsatzes. Vor nicht ganz zwanzig Jahren fuhr mein kleiner Bruder extra mit dem Fahrrad dort hin wenn gedreht wurde und fragte nach Autogrammen, die er auch immer bereitwillig und freundlich erhielt. Vor ca. 15 Jahren latschte ich gedankenverloren mitten in Dreharbeiten rein und wurde durch ein laut gerufenes ‘CUT! Wer lässt die denn da durchs Bild rennen?’ aufgeschreckt. Von Fedder kam nur ein breites Grinsen während ich gaaanz schnell und verschämt einen Abgang macht.

Ohne dass ich es miterlebt habe, bekomme ich den Eindruck einer der krassesten Einschnitte für Bahrenfeld war der Bau der A7 in den 1970ern. Zum einen hat sich der schon erwähnte zentrale Marktplatz quasi in Luft aufgelöst, zum anderen teilt die Autobahn den Stadtteil. Ich wohne östlich der Autobahn, der wie ein Graben fast eine Grenze zieht. Auch wenn es gar nicht weit ist, fühlt sich die Strecke bis zum Volkspark lang an. Ich fuhr einige Zeit zur Arbeit dort entlang, die A7 überquerend und dann parallel zur Autobahn nach Norden weiter Richtung Trabrennbahn.

Dort wo jetzt das Westend Village ist, ein weiteres neu entwickeltes Gelände, befand sich früher die Produktionsstätte der British American Tobacco. Daneben ist eine Grünfläche. Mehrfach dachte ich mir beim Vorbeifahren, dass ich mal einen Spaziergang dorthin machen sollte, um mir das genauer anzuschauen. Man konnte einen Teich erkennen, den einen oder anderen Gassigeher sehen, aber ich hab mich nicht aufgerafft bislang. Nun lese ich, dass das der Bonnepark ist und der Teich tatsächlich Bahrenfelder See heißt.

Erinnert mich bitte im Frühling mal daran, dass ich mir das endlich mal anschauen gehe. Und bei der Gelegenheit sollte ich auch endlich mal in den Dahliengarten gehen. Im Volksparkstadion war ich natürlich bereits mehrfach, auch in der Arena, aber den Park drumherum kenne ich nur von außen und aus dem Bus- oder Autofenster heraus. Eine Schande eigentlich. Ich merke gerade, wie wenig ich von dieser Gegend weiß, wie interessant es sein kann, alles zu entdecken und fühle mich bestätigt in meinem diffusen Gefühl, mich hier ohne zu wissen warum einfach wohl zu fühlen.

Was macht Bahrenfeld also aus? Ich weiß es jetzt gerade immer noch nicht sehr viel genauer als vor ein paar Stunden. Aber ich glaube ich weiß, wo ich anfangen werde zu suchen. Es scheint, als habe Bahrenfeld ein paar ‘hidden gems’ zu bieten, die entdeckt werden wollen. Ich mach das dann mal. Und vielleicht blog ich dann drüber.

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2 Responses to Wie ist denn Bahrenfeld so?

  1. Pingback: Der Rest von Hamburg (11) – Eilbek und Bahrenfeld | Herzdamengeschichten

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