Wenn einer eine Reise tut…

…dann hat er vorher einiges zu organisieren.

So auch mein Großvater, der zum mittlerweile vierten Mal sich ein letztes Mal auf Reisen zu begeben plant. Es gibt keine schöneren Bilder als die von seinem letzten Trip. Die geliebte M. besuchend, eine Dame von 93 Jahren mit unbeschreiblicher Ausstrahlung. Die beiden kennen sich seit Mitte der 1920er und bei den vergangenen paar Treffen schwang immer mit, dass der Abschied bei der Abreise wohl der letzte sei. Die unbändige Freude über die gemeinsame Zeit ist auf den Photos dieser Treffen greifbar. Es sind die schönsten lächelnden, strahlenden Gesichter, mit den hübschesten, so viele Geschichten erzählenden Falten, die ich je sah. Pure Lebensfreude, das Hier und Jetzt genießend.

Nun soll es im September wieder los gehen, auch M. wird wieder besucht, und er stellte fest, dass sein Personalausweis nicht lange genug gültig ist. Also machte er einen Termin beim Einwohnermeldeamt und bat mich, ihn dort nächste Woche hinzufahren. Da ich dem Photoautomaten im Amt nicht traue, vernünftige biometrische Bilder zu produzieren, sammelte ich ihn gestern ein, um welche im Photoladen machen zu lassen.

Mit großem Glück ergatterten wir einen Parkplatz direkt vor der Tür und erbaten dann von der jungen Frau im Laden die Bilder. Als wir dann gemeinsam auf den Bildschirm schauten und das beste Exemplar auswählten, fiel ihm das Tattoo auf dem Oberarm der Frau auf.

Ist das in oder auf der Haut?

Sie erklärte ihm mit einem Schmunzeln, dass das in der Haut sei und erzählte auf Nachfrage, was der finnische Spruch bedeutete. Er war etwas irritiert.

Aber das kann man doch auch wieder abwaschen, oder?

Eine weitere kleine Erklärung über den Vorgang des Tätowierens folgte und man sah in seinem Gesicht, dass er die Beweggründe für diese Art von Körperschmuck nicht verstand und zugleich doch fasziniert war.

Das bleibt also für immer? Was sagen Sie dann Ihren Kindern, wenn die später mal danach fragen?

Ja, das bleibt für immer. Und wenn meine Kinder danach fragen, dann erkläre ich ihnen eben, was das bedeutet.

Sie strahlte ihn an und in seinem Hirn ratterte es weiter. Wir redeten noch einen kleinen Moment mit ihr bis die Bilder fertig bearbeitet und der Zahlvorgang abgeschlossen war und gingen dann langsam die kleine Treppe hoch aus dem Laden zurück zum Auto. Draußen blieb er einen Moment lang neben dem Auto stehen, ich dachte erst, er wollte sich von den für ihn anstrengenden Stufen erholen. Aber er schaute mich mit einem Grinsen an.

Ich glaube, ich will auch so einen Spruch in einer fremden Sprache auf dem Arm, damit mich alle fragen, was das bedeutet.

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3 Responses to Wenn einer eine Reise tut…

  1. Günther says:

    Ich sehe Dich schon auf seinen Wunsch Deinen Großvater einsammeln, damit er seinen Termin im Tattoostudion nicht verpasst und er sich eine unvergessliche Erinnerung an M. in die Haut stechen lässt.
    Ihr werdet Spaß haben ;-)

  2. Gudrun says:

    Deine Großvatergeschichten sind so herzerwärmend!

  3. Pingback: Tattoos erst ab 90 | eimerchen's spillage

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