Tag der deutschen Einheit

Heute ist der 3. Oktober 2010 und vor 20 Jahren war die Wiedervereinigung.

Ein besonderer Tag, Feierlichkeiten, Reden, Sondersendungen, Erinnerungen.

Nicht für mich.

Mir bedeutet der 3. Oktober überhaupt nichts. Nicht, weil ich die historischen Ereignisse nicht wichtig/bewegend/bedeutend o.ä. finde, sondern weil all dieses sich für mich nicht mit dem 3. Oktober verbindet.

Für mich ist und bleibt der 9. November 89 DAS Datum. Ich erinnere mich sogar noch sehr genau an diesen Tag, einen Donnerstag, an dem ich grad einmal 10.5 Jahre alt war. Mein Onkel hatte Geburtstag, seinen 35., und es sollte gross gefeiert werden. Den ganzen Tag über schon lag etwas in der Luft, da wir Bekannte in Leipzig hatten verfolgte meine Mutter sehr genau, was im Radio oder Fernsehen berichtet wurde. Nach den so bewegenden Bildern aus Prag Ende September, als Genscher nicht dazu kam seinen berühmten Satz zu Ende zu bringen, war da irgendwie so ein Gefühl, dass etwas passieren würde, nur was und wann war nicht klar.

Meine Eltern gingen zur Party und ich ins Bett. Es dauerte aber nicht sehr lange bis sie wieder nach Hause kamen und mich sogar weckten. Ich durfte mit vor den Fernseher. Das war für mich ein ganz deutliches Zeichen, dass etwas ganz Grosses passiert, denn wir durften damals nicht mehr als eine Stunde in der Woche fernsehen und ich hatte Schule am nächsten Tag. Meine Mutter erzählte, dass sie zur Party gekommen waren und sie gesagt habe, sie glaube, heute nach fiele die Mauer. Allgemeine Skepsis schlug ihr wohl entgegen, bis  jemand im Restaurant in dem sie feierten die Nachrichtenlage verbreitete und sich die Gesellschaft relativ schnell auflöste, um zu Hause alles weitere zu verfolgen. Wir verfolgten noch sehr lange an dem Abend die Bilder im Fernsehen, ich weiss nicht mehr, wie müde ich am nächsten Tag war oder wie es dann weiter ging.

Das nächste, was ich dann in Verbindung mit dem Mauerfall erinnere ist, dass eine Familie, die kurz vor dem 9. November nur mit den Dingen die sie am Leib trugen geflohen waren, bei uns um die Ecke eine Wohnung bekam aber natürlich nichts hatten. Keine Möbel, keine Kleidung, gar nichts. Sie hatten drei noch sehr junge Kinder und auch die hatten keinerlei Spielzeug, keinen Lieblings-Teddy oder ähnliches mitnehmen können. Einige Tage später fand das grosse Winterfest in meinem damaligen Hockeyclub statt und wir nahmen dies zum Anlass zu einer Sammlung für diese Familie aufzurufen. Die Feier war an dem Samstagabend, am Sonntagabend waren alle Basics an Möbeln und Klamotten zusammen und bereits abgeliefert, im Laufe der folgenden Woche folgten Unmengen weiterer Dinge, darunter auch ein Job für den Familienvater. Und ich glaube die Kinder hatten hinterher mehr Spielzeug und Kuscheltiere als man sich vorstellen konnte, ich weiss noch genau, wie sehr ich überlegte, was ich von meinen Sachen verschenken mochte und dass ich mehrere Dinge hergab, weil ich mich einfach nicht entscheiden konnte, was ihnen wohl am meisten gefallen konnte.

Die nächste Erinnerung, die ich im Zusammenhang mit dieser Zeit habe, ist dann eigentlich mein erster Besuch, das muss im April gewesen sein. Wir fuhren mit dem Unterstufenchor meiner Schule nach Potsdam für eine Aufführung. Wir waren allein oder zu zweit bei Schülern unseres Alters untergebracht, die uns dann später im Sommer in Hamburg besuchten. Kristin und ich waren bei Kerstin und ihrer Familie in einer wie ich fand relativ grossen Wohnung in einem typischen Plattenbau untergebracht. Ich weiss nicht mehr viel von dem Trip, ausser dem allgemeinen Gefühl, welches ich verspürte.

Ich war als Kind mehrfach die Transitstrecke nach West Berlin mit meinen Eltern gefahren. Jedes Mal war es ein riesiges Trara an der Grenze. Einige Male wurde ich separat befragt. Ich hatte damals keine Angst, es war ein Abenteuer für mich und  es löste eine Neugierde aus in mir. Diese Neugierde nach dem, was da wohl so hinter steckte, konnte dann befriedigt werden bei diesem Besuch und das vorherrschende Gefühl war, dass es doch eigentlich alles gar nicht so anders war. Ich fand das irgendwie sehr beruhigend.

Sicher eine sehr kindliche und naive Erinnerung im Grossen und Ganzen, aber ich war ja auch erst 10 bzw. 11, als ich 89/90 erlebte. Geblieben sind einige unbestimmten Gefühle, die ich mit dieser Zeit und bis heute damit verbinde, die sicher auch durch unterschiedliche Einflüsse geprägt sind. Aber das was sich unterm Strich bei mir dazu emotional dazu abspielt ist irgendwie, dass sich damals etwas zurecht gerückt hat, berichtigt wurde oder wie auch immer man das beschreiben soll. Es spielte zwar thematisch zumindest aufs politische bezogen zu Hause nie eine Rolle, ich kann mich nicht daran erinnern, dass darüber geredet wurde, und ich weiss auch nicht woher sonst ich den Einfluss haben könnte, aber irgendwie fühlt es sich einfach danach an, als wurde da am 9. November etwas wieder in Ordnung gebracht.

Das kann doch so falsch nicht sein, oder?

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One Response to Tag der deutschen Einheit

  1. Isa says:

    Das ist sicher nicht falsch, sondern sogar sehr richtig. Geht mir ähnlich, dass ich die Wiedervereinigung nicht mit dem 03. Oktober verbinde, sondern eher mit den 9. November. Und vor allem der ganzen Zeit danach, als uns unsere komplette Ost-Verwandtschaft “heimsuchte”. Als die alle komplett überfahren waren von Freiheit, die sie so nicht kannten, und mit Pflichten konfrontiert waren, die ihnen ebenfalls erst mal fremd erschienen.
    Wir hatten lustigerweise letztes Jahr am 03. Oktober unser Sippentreffen (Ost und West) und wir saßen beieinander, haben gesungen, getrunken und gelacht, und keinem von uns ist aufgefallen, dass wir Tag der Deutschen Einheit hatten. Denn wir waren ja vereint, das brauchte man nicht extra zu erwähnen.😀

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