Loslassen und leben

30. Dezember – Das Jahr geht unweigerlich dem Ende zu. Pläne für morgen habe ich bewusst anders gestaltet. Ich möchte allein sein morgen Abend. Habe keine Lust auf Menschen, zumindest nicht direkt. Ich will meine me-time geniessen, für mich. Spiele gedanklich mit Variationen, Buch, Glas Wein oder doch Badewanne, aber dafür müsste ich zu meinen Eltern fahren, die zwar nicht da sind, aber ich will in meinem Reich bleiben, also keine Badewanne. Also einfach gemütlich zu Hause, in meinen eigenen vier Wänden, in meinem eigenen Rhythmus. Mein Ding.

Ich setz mich noch mal an den Schreibtisch, schlage die Unibücher auf, sortiere meine Gedanken, mein Pensum, den Zeitplan für die nächsten 2 Wochen. Es warten viele noch ungelesene Seiten auf mich. Ich mache eine Liste, ganz systematisch, teile auf, in Teile. Einen Schritt nach dem anderen zu tun ist leichter, als den ganzen Weg zum Gipfel zu betrachten. Also aufteilen, fünf dünne statt eines dicken Ordners. Prioritäten setzen, welches Fach kommt zu erst dran, für welches muss ich am meisten vorbereiten, abwägen. Noch eine Liste, welche Kapitel, wie viele Seiten, welche Artikel. Und das alles neben der Arbeit in den nächsten zwei Wochen, und noch die mündliche Prüfung, auch dafür muss ich noch eine Präsentation erstellen, habe natürlich immer noch kein Thema.

Für einen Moment kommt Panik auf. Hilflosigkeit. Überforderung. Wie soll ich das alles nur schaffen? Das schaff ich nie! – Mein Telephon klingelt. Ein sehr guter Freund ist dran. Wir gehen gleich rodeln und Du kommst mit! Aber ich habe doch keine Zeit. Doch, in einer halben Stunde sind wir dort. Aber ich hab doch keinen Schlitten. Egal, ich hab eben noch was gebastelt. Und legt auf. Keine Widerworte geduldet.

In letzter Eingebung denke ich noch daran meine dicke Skihose drüber zu ziehen und die Skihandschuhe zu greifen und mach mich auf den Weg. Als ich ankomme zieht er gerade seinen “Schlitten” den Hang hoch, Astra in der Hand, breites Grinsen im Gesicht. Los, aufsitzen. Ich setz mich hinter ihm auf das Stück feste Plastikplane und habe etwas Angst. Der Hang ist recht steil, ich war seit bestimmt 25 Jahre nicht rodeln und habe ohnehin schon die Angewohnheit sehr schnell blaue Flecken zu bekommen. Was mache ich hier eigentlich? Füsse hoch, los geht’s!

Und wir sausen den Hang hinab, ich sehe nur eine Schneewolke um uns herum, klammere mich an seinen Schultern fest und versuche krampfhaft meine nicht vorhandenen Bauchmuskeln dazu zu bekommen, meine Füsse oben zu halten. Auf halber Strecke gelingt mir dies nicht mehr und meine über den Schnee schleifende Ferse lässt uns durch eine Schneenebelfontaine fahren, einmal einstauben von rechts bitte. Die letzten Meter kommen wir in Schieflage und stellen uns quer zum Hang, ein abrupter Ruck und wir fallen hart auf unsere rechten Schultern. Für einen Moment bleibe ich liegen, denke an den blauen Fleck, der da kommen wird.

Und als er mich hochzieht merke ich, dass ich die ganze Zeit gelacht habe, gestrahlt, gequiekt, geschrien und gelacht. Mit offenem Mund, denn der ist rechtsseitig voller Schnee. Meine ganze rechte Gesichtshälfte ist eingeeist, die Schneefontaine hat ihre Spuren hinterlassen, von Kopf bis Fuss. Ich schüttle mich, wie ein nasser Hund, strahle weiter und fordere, wie ein kleines Kind: Nochmal!

Wir stapfen den Hang zu viert hoch. Immer wieder. Wer braucht einen Schlitten, wenn man eine grosse Plastikplane, Isomatte und Wolldecke hat. Wir spielen Cool Runnings, inklusive aller Dreher und Stürze. Und es macht Spass! Ich bekomme das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Und all das mit Blick auf meinen geliebten Hafen. Ich bin wieder angekommen, in meinem Hamburg, in meinem Leben. Loslassen und leben – machmal braucht es nur etwas Wiederweckung des Kindes in einem. W, ich danke Dir dafür!

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3 Responses to Loslassen und leben

  1. Verstoerer says:

    Willkommen zuhause, schön das du wieder da bist!

  2. doppelfish says:

    Was @Verstörer sagt. Freut mich!😀

  3. JuTime says:

    Sehr schön geschrieben… ich will Schlittenfahren!!
    Ok, es ist halb drei Nachts.. jetzt nicht mehr.. aber danach! :-))

    Ich freue mich, dass es dir wieder etwas besser geht – und ja: Genieße dein Leben!
    🙂

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