Fluchtversuch

Da fehlt etwas. Da ist ein Loch im Herzen. Es erzeugt Leere. Die Leere macht Lärm. Poltert dröhnend im Kopf herum. Schreit, brüllt, trampelt, randaliert. Lautstark. Es gibt kein zur Ruhe kommen. Sie muss zum Schweigen gebracht werden. Gedämpft werden zumindest. Mindestens.

Zur Ruhe kommen, müde werden. Ein Versuch. Ich packe meine Sachen, morgens schon, fester Vorsatz, gleich nach der Arbeit.

Ich erwarte ein vorwurfsvolles Gesicht, es waren immerhin drei Monate. Aber B strahlt mich an und sagt, er freue sich sehr, mich wieder zu sehen. Dabei streckt er mir seine Hand hin und hält dann meine einen Moment länger fest, als er ein wirklich hinterher schiebt.

Ich zieh mich um, stöpsel die Kopfhörer ins Ohr. Werde ich durchhalten? Mechanisch beginnt mein Körper sich zu bewegen, die vier Bildschirme vor mir nehme ich kaum wahr, ich starre in die Unendlichkeit, durch alles hindurch. Spüre deutlich meine untrainierten Muskeln. Einfach weiter machen, einatmen, ausatmen, bewusst, gleichmäßig. Puls beobachten. Zu hoch. Ruhiger atmen, konzentrierter. Zehn Minuten überstanden. Weiter.

Von der Acht zur Sieben, zwei mal 20, je mit 7 und mit 12. Die Zahlen machen mich nervös, ich kann die Geräte nicht umnummerieren, bin aber versucht 3 mal 19 oder 17 zu machen mit 7 und 13. Zähle im Kopf mit, verliere den Faden, zähl zum dritten Mal die 13, oder war das schon das fünfte Mal? Mir schwirrt der Kopf. Ausatmen an der richtigen Stelle nicht vergessen. Nicht zu schnell. Hyperventilieren wäre jetzt auch nicht gut. Konzentrier Dich endlich! Aber auf das Richtige!

Ich starre weiter in die Unendlichkeit, mit leerem Blick, durch B hindurch, bemerke nicht, dass er direkt vor mir steht und mich anlächelt. Er fängt meinen Blick mit einer Handbewegung ein, immitiert mein wohl sehr grimmig drein blickendes Gesicht, übertreibend, geht in ein strahlendes Lächeln über. Ich setze ein Lächeln auf, eher mechanisch. Es fällt mir aus dem Gesicht als er sich wieder seinem Kunden zuwendet. Ich muss weiter zählen, den Lärm, den die Leere verursacht, beherrschen. Konzentrierte, langsame Bewegungen. Meine Beine zittern, aber die Bewegung bleibt kontrolliert. Atmen nicht vergessen. Richtig rum, nicht zu schnell.

Weiter zur 46, dann die 15, die 28, die 17. Nur die letzte Zahl ist richtig. Die innere Ruhe stellt sich nicht ein. Bei der 15 kommt B rüber und korrigiert meine Handgelenke, ganz sanft, ohne mich aus meiner Trance zu ziehen. An der 17 bemerke ich wieder seinen Kontrollblick, ich versuche meinen Gesichtsausdruck zu korrigieren, fühle mich ertappt. Freibereich, ich zaehle trotzig nur bis 19. Die letzten beiden Übungen, 3 mal 13, statt 3 mal 12.

Cool down, wieder zu hoher Puls, die Muskeln sind beleidigt, ich habe sie zu lange vernachlässigt. Konzentrierter Atem, der Puls geht runter. Ich steige bei 13 Minuten ab, wische mechanisch das Gerät ab. Eine wohlerzogene Verabschiedung, ohne Energie. B schaut nicht bös drein, eher besorgt. Ich zwing mich zu einem Lächeln. Er versucht mich in dem Glauben zu lassen, er würde es mir abnehmen, ich sehe, dass er es nicht tut.

 

Wie bin ich hier her gekommen? Automatismus im Auto nach Hause. Stehe in der Dusche und um mich herum dampft es. Ich dreh den Hahn noch etwa weiter nach heiss auf. Trete ganz langsam unter den Strahl und spüre den ersten Tropfen auf der Kopfhaut, wie er langsam unter meinen Haaren hinunter rinnt. Noch einer, und noch einer, bis ich ganz unter dem heissen Strahl stehe und mir das Wasser über Haar und Gesicht läuft. Ein kleines bisschen ist da ein Geschmack nach Salz, aber ich ignoriere das. Nicht jetzt.

Meine Muskeln fangen an sich etwas zu entspannen. Ich dreh das Wasser noch heisser, bis es schmerzt, meine Haut wird rot. Noch ein bisschen mehr, die Hitze und der Schmerz bringen den Lärm zum schweigen, für einen Moment noch zumindest. Ich will diesen gedämpften Zustand noch etwas hinauszögern, bleibe noch ein wenig länger stehen, will den Lärm noch ein kleines Weilchen aussen vor lassen.

Jetzt nur noch die Erschöpfung auf dem Weg ins Bett in die Müdigkeit rüber retten und schnell Schlaf finden. Geh nicht verloren, bitte, bleib da! Nur noch wenige Meter.

Ich liege im Bett und die Leere macht Lärm. Poltert dröhnend im Kopf herum….

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