Unverständnis

Zum Thema KTzG ist schon so einiges gesagt und geschrieben worden. Sei es zum allgemeinen Ablauf, seinem peinlichen und ehrlosen Versuch des Herauswindens, der unsäglichen Rücktrittsrede oder auch den Reaktionen nun auf diesen Rücktritt. Mir hatte meine Wut und Frustration über dieses ganze Thema in den letzten Tagen ein wenig die Sprache verschlagen, und es tat sich auch so viel so schnell, dass ich das alles gar nicht so gut in Worte fassen konnte, was mir an Gedanken dazu durch den Kopf ging.

Nun ist das Thema auch schon fast wieder durch und ich erspare mir zu wiederholen, was bereits, viel besser formuliert als ich es je könnte, in vielen Blogposts, Kommentaren und Tweets geschrieben wurde. (Meine persönlichen Favoriten zu dem Thema findet Ihr bei PeterclaraswunderweltSprachrhythmus und vom haekelschwein) Es gibt aber einen Aspekt, der mir nach wie vor auf dem Magen liegt und der in mir von Anfang an völliges Unverständnis hervor rief.

Wie zum Teufel konnte seine Dissertation nach Einreichung überhaupt das Stadium einer Notengebung erreichen?

Gut, mittlerweile haben sich auch andere Informationen aufgetan, die indizieren, dass er überhaupt nicht hätte der Promotion nachgehen dürfen. Damit kenne ich mich nicht aus, ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie die Voraussetzungen dafür sind, in Jus promovieren zu können und ich will mir auch nicht anmassen, zu beurteilen, ob das nun den Regeln entsprach oder nicht. Aber selbst wenn das noch in Ordnung ging, und auch mal angenommen, er hat sich sogar seine Zitate ganz allein zusammen gesucht (ich weiss echt nicht mehr, was ich schlimmer fände…), so gibt es vom Zeitpunkt der Einreichung des Papierhaufens einen Schritt, der mir hier unverständlicherweise fehlt.

Warum wurde die Arbeit nicht, noch bevor eine ganz normale erste Prüfungsdurchsicht stattfand, einmal auf kopierte Passagen mithilfe entsprechender software gescannt? Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, das so etwas in Deutschland noch nicht Usus sein könnte. Oh, welch Entäuschung!

Diese, offenbar völlig überzogene, Erwartunghaltung meinerseits, stammt aus meiner Zeit an der Uni in England. 2004 wohlgemerkt, also durchaus hinreichend lange bevor KTzG seinen Papierhaufen einreichte, um zu erwarten, dass sich eine ähnliche Handhabung auch in Deutschland hätte etablieren können.

Ich befand mich in einer bunten Truppe an internationalen Studenten, allein bei uns im Kurs vertraten wir mit 39 postgrads immerhin 20 Nationen. Damit wir auch von Anfang an, trotz unterschiedlicher Bildungssystem-Herkunft, genau wussten, was von uns erwartet wurde, hatten wir in den ersten drei Wochen 3 Doppelstunden mit Pflichtanwesenheit, in denen uns ausschliesslich beigepolt wurde, wie man korrekt wissenschaftlich schreibt. Inklusive Übungen nach dem Theoriebombardement und auch eine umfangreiche Auffrischung der Prüfungsordnung u.ä..

Wie wörtliche Zitate zu handhaben sind, obwohl ja eigentlich offensichtlich und bei uns auch nur in sparsamer Anwednung empfohlen, wurde ausgiebig besprochen, aber selbst bei paraphrasierten Satzteilen, deren inhaltliche Aussage nicht unseren eigenen Gehirnwindungen entsprungen war, war gefälligst ein vergleiche/siehe/nach XY etc. hinzuzufügen. Ist so! Regel! Keine weitere Diskussion, Punkt fertig! Fett, unterstrichen und in ungefähr 40Punkt Font wurde hinterhergeschoben, was die Konsequenzen bei Nichtbefolgen sein würden: sofortige Exmatrikulation und unter bestimmten Voraussetzungen auch einen entsprechenden Vermerk, der dazu führen würde, dass man jegliche weitere Immatrikulation auch an anderen Unis würde abschreiben können.

Es entstand zunächst der Eindruck, dass sie nur uns internationalen Studenten, oder zumindest den Neulingen an dieser Uni, dieses wissenschaftliche Bootcamp antaten, aber schnell wurde klar, dass dies nicht der Fall war und in jedem Jahr und Jahrgang dieses Prozdere wenn auch in angepasstem Umfang wiederholt wurde. (Ich muss jedoch hinzufügen, dass mir nicht bekannt ist, ob die umfangreiche Schulung in dieser Form an allen Unis dort der Fall war/ist, oder nur an meiner. Die Regeln bezüglich plagiarism sind natürlich überall so.)

Dass dies nicht alles nur leeres Geschwätz war, zeigte sich auch sofort bei der ersten Teil-Prüfungsleistung, die wir zu erbringen hatten. Ein 2500-Wort essay, zu schreiben innerhalb einer Woche, welches 10% eines Moduls zählte. (Der Abschluss umfasste 12 Module und eine mit 6 Modulen gleichwertig gewichtete Thesis.) Dieses essay war also nun für kurze Bearbeitungszeit recht umfangreich, zählte aber für die Gesamtleistung nicht so besonders viel. Da kann man schon mal in Versuchung geraten, sich das Leben etwas einfacher zu machen.

Abgabe war immer in Form eines Ausdrucks und in elektronischer Form vorzunehmen. Dann wurde die software über die Arbeiten laufen gelassen und der Dozent bekam einen Bericht mit Überschneidungen von Textpassagen. Bei exakter Übereinstimmung musste wohl manuell geprüft werden, ob ein direktes Zitat (mit korrekter Referenz) vorlag. Ich vermute, dass daher die Abneigung unserer Dozenten gegenüber zu vielen wortwörtlichen Zitaten kam.

Mir ist nicht bekannt, wie die Schwellenwerte angesetzt waren, aber ich habe zumindest bei uns in der Fakultät zwei mal eine Reaktion auf verdächtige Fälle erlebt. Der eine war ein undergraduate, der in einem auch nicht gerade hochgewichteten paper zu viele Übereinstimmungen hatte und dann als Reaktion tatsächlich rausgeschmissen wurde. Das andere stellte sich bei einer manuellen Überprüfung und einem direkten Gespräch tatsächlich nur als handwerklicher Fehler heraus. Die Quellen waren zwar angegeben, aber in gesammelter Form in einem Anhang mit ausformulierten Hinweisen auf den Absatz und die Seite wo der inhaltliche Bezug vom Autor vorgenommen wurde.

In dem Fall wurde dem Studenten ein Crash-Kurs gegeben (er hatte die Pflichtveranstaltung entschuldigt aus verschiedenen Gründen nicht wahrnehmen können und eine Wiederholung war noch nicht terminiert worden) und er hat dann einen Tag Zeit bekommen, seine Arbeit in die übliche Form zu ändern. Bei Abgabe wurde auch noch geprüft, dass er inhaltlich nichts geändert hat, damit er durch die extra Bearbeitungszeit keinen Vorteil gegenüber den anderen hatte. Ich kann mich nicht mehr entsinnen, ob er auch noch einen Zwangsabzug bei der Benotung bekam, aber da das bei z.B. verspäteter Abgabe oder anderen Formfehlern üblich war, ist es durchaus möglich.

Es war für uns vollkommen selbstverständlich bei jeglicher Literaturrecherche umfangreich nicht nur die primären Quellen ordentlich zu notieren, sondern auch wiederum die sekundären Quellen zu überprüfen. Nicht selten stellte sich dabei nämlich auch heraus, dass in den Primärquellen nur der passende Teilaspekt herangezogen wurde und für die eigene Arbeit u.U. die dort zitierten Quellen für die angestrebte Argumentation so gar nicht mehr passte oder noch weitere Ansätze verfolgte, die sogar passender waren. Wir wurden immer wieder dazu angehalten auch die Referenzen der Referenzen (der Referenzen) einzusehen.

Warum eine derartige Wertigkeit, vor allem gepaart mit der Kontrolle und Konsequenz, offenbar in diesem Fall (oder auch allgemein?) so nicht herrschte (immer noch nicht herrscht?), ist und bleibt mir unbegreiflich. Ist doch das ganze Konstrukt des wissenschaftlichen Arbeitens eigentlich darauf basierend, dass diese Regeln beachtet und verteidigt werden.

Dieser Vorwurf geht damit im Grunde auch nicht an KTzG, sondern an die verantwortlichen Prüfer. Was jedoch nicht heisst, dass ich nicht auch stinkend wütend und ohne Verständnis über KTzGs Dreistigkeit bin. Es ist und bleibt nicht nur eine bodenlose Frechheit, sondern ist schlicht und simpel Betrug. Dass ihm dieser auch noch so leicht gemacht wurde, lässt mich mit einem unverständnisvollen und frustrierten Kopfschütteln zurück.

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11 Responses to Unverständnis

  1. Chris says:

    Mir ist es auch schleierhaft, wie eine vermeintlich mittelmäßige Arbeit mit “summa” bewertet wurde. Aber die Uni Bayreuth schämt sich bisher noch heimlich. (frei nach Schavan).
    Pro-Gutti-FB schießt sich entsprechend auch gerade auf die Professoren ein, die nun die Hauptschuldigen für Guttis Zwanglage sein sollen. (Wurde ihm vielleicht ein Titel aufgedrängt, den er garnicht haben wollte?)
    Ich möchte diese skurile Logik auf ein anderes Beispiel anwenden, um die Sinnlosigkeit zu verdeutlichen: Wenn ein Ladendieb nachträglich geschnappt wird, muss also auch der Ladendetektiv verklagt werden, weil er den Diebstahl nicht bemerkt hat. Ist das so?

    • kleinereimer says:

      Ich denke Dein Ladendieb Beispiel ist nur bedingt passend. Ich empfinde die Situation dann eher analog dazu, wenn der Ladendetektiv gar nicht anwesend ist, oder demonstrativ Pause macht und das womöglich auch noch ankündigt. Oder den Diebstahl gar bemerkt, aber weil es ein vermeintlicher Promi ist, nicht darauf reagiert.
      Wie gesagt, dass er es gewagt hat, das abzugeben ist schon eine Frechheit und Betrug, aber bei derart vielen Auffälligkeiten und ja auch nicht nur einen kurzen Moment zum korrigieren (wie der Ladendetektiv zum erwischen des Diebes hätte), liegt schon auch ein Versäumnis bei den Professoren vor.

      • Chris says:

        Punkt für dich.
        Du hast Recht, irgendwie riecht es nach Mittäterschaft.

        Eine komplette Uni darf man dafür aber nicht anklagen. Dennoch, es gibt den Erstprüfer (Doktorvater), Zweitprüfer (meist von anderer Uni) und Beisitzer. Außerdem muss eine “Vorfassung” der Arbeit (vor der Zulassung zur Verteidigung) bei 10 Professoren über den Tisch gehen, die alle ihren Servus draufmachen, dass die Arbeit in Ordnung ist.

      • kleinereimer says:

        🙂

        Klar, die ganze Uni nicht, nur die die involviert waren. Und das wird ja immer schlimmer. 10 Professoren? Ich heul.

  2. Chris says:

    Zitat aus Artikel:
    “Gut, mittlerweile haben sich auch andere Informationen aufgetan, die indizieren, dass er überhaupt nicht hätte der Promotion nachgehen dürfen.”

    Wenn damit gemeint ist, dass er vor der Promotion einen Abschluss mit 3,x hatte, kann ich dazu aufklären:
    tatsächlich ist eine Promotion mit einem Abschluss von 3,x ungewöhnlich, stellt aber kein generelles Ausschlusskriterium dar. Ob jemand promovieren darf, entscheidet unter Anderem der Fachbereichsrat, ein Gremium der Professoren dieses Fachbereichs. Der Doktorvater (logischerweise auch ein Mitglied des FBR) stellt dort den Antrag, dass der betreffende Assistent aufgrund “außergewöhnlicher Leistungen” trotz seines relativ schlechten Abschlusses zur Promotion zugelassen wird. Dies sind dann in der Regel Leistungen aus seiner bisherigen Assistententätigkeit, die üblicherweise schriftlich dargelegt werden (z.B. mit einer Liste der bisherigen Veröffentlichungen).
    Alle Lehrstühle sind ja interessiert, Doktoren “zu produzieren”. Insofern funktioniert eine solche Promotionszulassung recht häufig und ist auch nicht ungewöhnlich.

    • kleinereimer says:

      Ah, danke für die Aufklärung. Bleibt noch die Frage, wie sinnvoll eine Zulassung unter den Umständen war. Lässt mich in die Richtung “geblendet durch die Person” denken. Traurig, traurig.

      • Chris says:

        Seit Beginn der Exzellenzinitiative unterliegen die Universitäten (und damit auch die einzelnen Lehrstühle, jeder für sich) einem verstärkten Druck “wirtschaftlich” zu Arbeiten. Das ist einerseits erfreulich, andererseits beschneidet es die Unabhängigkeit der Wissenschaft.
        Wenn der Lehrstuhl mehr Studenten bzw. Abschlüsse vorweisen kann, bekommt er dafür credits (ähnlich wie die Studenten für erfolgreiche Prüfungen).

        Einen Bundesminister, noch dazu einen so vielversprechenden, als Aushängeschild präsentieren zu können wünscht sich logischerweise jede Uni. Damit kann man weitere Studenten locken, es ist ganz einfach Werbung.
        Insofern braucht man gar keine finanziellen Verquickungen zu vermuten. Ich denke, es steht außer Frage, dass sich die Uni Bayreuth darüber gefreut hat, als Gutti dort promovieren wollte.

        Völlig inakzeptabel wäre es dennoch, wenn aufgrund der Popularität des Doktoranden eine Korrektur mit geschlossenen Augen stattgefunden haben sollte.

      • kleinereimer says:

        Das ist mir vollkommen bewusst. Allerdings, seit wann läuft diese Exzellenzinitiative? Lief das schon 2007?

        Den Druck wirtschaftlich arbeiten zu müssen, gibt es an englischen Unis auch, und schon weitaus länger. Jedoch wirst Du bei den hochkarätigen Unis dort eher noch höhere Ansprüche an Qualität finden. Ebenso wie härtere Konsequenzen bei Verfehlungen. Dass die Uni-Systeme grundsätzlich historisch unterschiedlich gewachsen sind und daher nur bedingt vergleichbar sind, ist klar. Dennoch darf auch ein Standard an Qualität nicht unter solcherlei Umständen leiden. Im Gegenteil, ich denke es ist vermutlich sogar noch wichtiger gerade für diese “Exzellenz-Unis” auf diese Aspekte zu achten, führt es doch dahin, wo diese Initiative hin soll. Mir geht es gewaltig auf den Senkel, dass hierbei (wie auch bei viel zu vielen anderen Dingen) der kurzfristige, schnell sichtbare Nutzen über die grundlegende und langfristige Verbesserung gestellt wird.

        Ich vermute keine finanziellen Verquickungen bei dieser Geschichte, jedoch eine Blendung, sei es durch Herkunft oder Charisma (?? seh ich übrigens gar nicht) oder seine Position und Karriereaussichten zu der Zeit. Das ist sehr frustrierend bis hin zu beängstigend, ich befürchte allerdings irgendwie doch auch menschlich. (Der Kommentar vom haekelschwein, den ich oben verlinkte betrachtet dies auf interessante Weise, finde ich. Auch wenn sich das jetzt auf die “Fans” bezieht, so spielte das dort gesagte sicherlich auch zu Teilen vorher eine Rolle.)

  3. Chris says:

    Zu den 10 Professoren (erster Kommentarblock) muss ich noch etwas hinzufügen (sonst klingt das vielleciht zu massiv):

    Dieser Spartenlauf (in die verschiedenen Lehrstühle) finden ja nach dem Schreiben der Arbeit und vor der Verteidigung der Arbeit meist in Zeitdruck statt. Die Professoren bekommen also die Arbeit auf den Tisch gelegt, mit der Bitte die Sache schnell zu bearbeiten. Der Doktorvater ist zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Arbeit einverstanden. Ist dieser Doktorvater ein honoriger Professor, werden seine Kollegen kaum anfangen mit ihm über den Wert der Arbeit zu diskutieren. Es handelt sich hierbei also eher um einen bürokratischen Verwaltungsakt, obwohl das ganze ja durchaus mal mit einem sinnvollen Hintergedanken eingeführt wurde. (Insofern ist der Begriff “Servus” für Unterschrift durchaus treffend.)

    “Unter den Talaren, der Muff von 1000 Jahren”
    Ich glaube, der ganze Vorfall wird aber auch dazu führen, dass zukünftig wieder genauer hingeschaut wird. Die Schmach für die Uni ist einfach zu groß.

    • kleinereimer says:

      Ich hab mir schon so was gedacht. Es macht es alles auch nicht besser. Da sollen sie sich doch das Papiergeschiebe sparen und stattdessen die Zeit für eine umfangreiche Prüfung nutzen. 10 ist ja auch schon Kanonen/Spatzen-Ansatz. 2-3, die es vernünftig lesen, täten es ja schon.

      Ich hoffe inständig, dass Du Recht hast mit Deiner letzten Einschätzung.

      • Chris says:

        Da stimm ich dir zu: Die Masse an 10 Professoren macht die Qualität der Kontrolle nicht besser.

        … und zu deiner obigen Antwort um P.M.1.17 (ich kann dort den Reply-Button nicht finden):
        “…ich denke es ist vermutlich sogar noch wichtiger gerade für diese “Exzellenz-Unis” auf diese Aspekte zu achten…”

        -> natürlich sollte sich “Exzellenz” durch Qualität auszeichnen. Aber die Validierung finden eben über die Quantität statt. (Das sind nunmal Zahlen und die kann man so schön greifen :-)).

        In D war die erste Kür der Exzellenzuni im Oktober 2006.

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