Reise in die Vergangenheit

Im Sommer 2011 erhalte ich eine ‚Save the date‘-email für den 1. Dezember 2012. We would love for you to join us for our wedding in December next year and since you don’t live nearby we thought we’d let you know well in advance. Das ist in der Tat ‘well in advance’ denke ich und merke, wie mir eine Rührungsträne die Wange hinunter läuft. Ich habe Claire schon über ein Jahr nicht mehr gesehen. Seit ich weg gezogen bin war ich nicht mehr in London. Sie fehlt mir. Sehr. So viel mehr als nur eine Kollegin war sie, ist sie irgendwie immer noch, auch wenn wir vielleicht nur ein oder zwei emails bislang austauschten. Ein Mensch mit Platz im Herzen, egal wie häufig man einander sieht, trifft, spricht. Einfach wieder dort anfangen, wo man aufgehört hat.

Ich bekomme die richtige Einladung im Oktober 2012 mit vielen, sehr britischen Entschuldigungen für die Verspätung, meine Adresse ging im Umzugschaos verloren. Ich buche Flüge und Hotel, überlege, was ich anziehen werde und geh erst einmal wieder meinem Alltag nach. Ich möchte noch nicht so genau darüber nachdenken, wie es sein wird, denn ich war seit meiner Rückkehr immer noch nicht wieder auf der Insel. Ich vermisse sehr, was ich dort zurückließ. Auch wenn ich weiß, dass das was ich vermisse, so ohnehin nicht mehr existiert.

Freitag. Ich bin früh am Flughafen, traue easyjet nicht, auch wenn ich nur meinen Koffer abgeben muss. Aber es geht schnell und auch durch die Sicherheitskontrolle komme ich fix durch. Die Dame, die mich abtastet erinnert sich bei meinem Giggelanfall an unsere letzte Begegnung, und sie verbreitet gute Laune. Da ich noch viel Zeit habe, gönne ich mir eine kleine Verwöhnung in der mobilen Massageecke, meine Betonschultern danken es mir. Vorfallsfreier Flug, ein wenig verfrüht landen wir in Luton, der Koffer ist gerade aufs Band gefallen, als ich aus der Passkontrolle komme, alles entspannt.

Ich halte Ausschau nach dem Taxifuzzi, der ein Schild mit meinem Namen hochhalten soll. So stand es in der Buchungsbestätigung, extra mit ‚meet & greet‘ gebucht, weil ich keine Lust habe draußen in Luton in der Kälte rumzustolpern auf der Suche nach dem pick-up-point. Keiner da. Na gut, kaufe ich eben erst schnell noch bei WH Smith Zahnbürste und –pasta, habe ich nämlich geschickterweise vergessen. Wie gut, dass ich noch etwas Kleingeld übrig habe. Ach ja, Pfunde abheben wollte ich ja auch noch. Ich tippe voller Überzeugung die PIN ein, ist ja nur 2,5 Jahre her, dass ich sie das letzte Mal nutzte. Oh, falsche PIN? Vertippt? Nachdenken, erneuter Versuch. FALSCH! Ich habe doch wohl nicht etwa meine PIN vergessen? ICH? ZAHLEN? VERGESSEN? PANIK!

Wo bleibt eigentlich der Taxifuzzi? Ich sehe mich um, aber niemand steht auch nur irgendwo mit einem Namensschild rum. Hm. 35 Minuten sind bereits vergangen. Ich bekomme eine SMS: ‚07843123456drive.call.‘. Aha, was soll das jetzt? Jetzt klingelt es. Nach fünf Minuten verstehe ich dann auch endlich, was der Anrufer mir sagen will. Ich bin ja so einige Akzente und Dialekte gewöhnt, aber das, was der aus englischer Aussprache und Grammatik macht, das haben … nein, lassen wir das, der Vergleich wäre unpassend. Ok, ich soll also den Fahrer anrufen, nee, ist klar, deswegen buchte ich ja das dämliche ‚meet & greet‘ für den Fünfer extra. Na gut, ich will hier ja auch noch weg kommen.

‚Yes. To minits avai.‘ – ‚Ok, I will wait inside in front of Costas and WH Smith. Will you get me here?’ – ‘Yes, yes, pick ab sere. To minits.’

Ich warte. Und warte. Wage es nicht, mich vom beschriebenen Fleck weg zu bewegen. Und warte. Nach 20 Minuten platzt mir der Kragen, ich rufe die Nummer erneut an.

‚Yes, vos sere. You not. To minits veet. Drife avai sen.’ – ‘Excuse me, I waited inside, as booked and mentioned earlier. Where were you?’ – ‘No come in. Out. You not.’ – ‘Well, I am still here, I still would like to be picked up, as booked and paid for. I will wait right here for you to come back.’ – ‘Ok, ok, come back. Ten minits. You Helen?’ – ‘No, I am not Helen, I am eimerchen.’ – ‘Ok, veet sere.’

Er legt auf und ich atme tief durch. Ich weiß ja selber, dass es manchmal mit dieser Sprache nicht ganz einfach ist, aber Mitarbeiter eines Taxiunternehmens am Flughafen sollten sich schon etwas besser verständigen können, meine ich. Ich warte weitere 30 Minuten bis ein etwas abgekämpfter Mann mit einem losen Zettel in der Hand auf mich zu stolpert. Kaum lesbar ist darauf etwas mehr gemalt als geschrieben, was lautsprachlich entfernt an eimerchen erinnern könnte. Na endlich, denke ich, seit Landung ist bereits mehr Zeit vergangen, als der Flug in Anspruch nahm, aber jetzt ist er ja da, der Weg ist auch nur 25 Minuten, bald kann ich was essen und ins Bett, der morgige Tag wird ja lang.

Nachdem wir ca. 15 Minuten quer über einen eher provisorisch wirkenden Parkplatz gehen, kommen wir endlich zum Auto. Allerdings sinkt die Erleichterung darüber schlagartig, als ich mich reinsetze. Der vorherrschende Geruch ist eine Mischung aus süßlichem Aftershave, einem ekligen Duftbäumchen und Schweiß. Na danke. Umständlich manövriert sich der Fahrer vom Parkplatz und fährt über einige kleine Kreisverkehre Richtung Autobahn. Was bei den ersten paar Kurven nur Ahnung ist, wird wenig später zur Gewissheit: ich sitze neben dem wohl schlechtesten Autofahrer der Welt. Blinker? Braucht kein Mensch! Spur halten? Wo bleibt der Nervenkitzel! Dieser Mann scheint mir das allererste Mal in seinem Leben im Linksverkehr zu fahren, und das als hiesiger Taxifahrer. Er  zieht so weit nach rechts, dass ich ihm permanent in den Lenker greifen will, um Geisterfahrermomente zu verhindern. Auf der dreispurigen Autobahn wird es nicht besser, nur dass die Gefahr nicht von vorne sondern von hinten ankommt. Ich bin leicht angespannt. Zwischendurch tippt er auf seinem Handy die Adresse ein, die durch mehrmaliges Runterfallen der Halterung verloren ging. Endlich funktioniert die Navifunktion des Handys und ich hoffe, dass er sich ein wenig mehr auf die Fahrerei konzentriert. Ich konzentriere mich darauf, nur durch den Mund zu atmen, der Geruch gibt mir Kopfweh.

Und da war dann auch die Ausfahrt. Obwohl der Navi lautstark ankündigte, dass hier abzufahren sei, verpasst er sie. Obwohl auch ich ihn darauf aufmerksam machte, sich doch vielleicht besser rechtzeitig links einzuordnen. Ein simples OH! kommt aus seinem Mund und dann fährt er so katastrophal weiter wie zuvor. Nach einem Umweg von weiteren 45 Minuten sind wir endlich am Hotel. Ich will nur noch raus aus diesem Auto, weg von diesem Geruch, beschränke meine Verabschiedungsfloskeln auf das absolute, britische Minimum und stürze der Rezeption entgegen.

Der Rezeptionist heißt mich strahlend willkommen und ein daneben stehender Gast lächelt mich an: ‚You look like you’re really happy to be here, luv!‘ – ‚You have no idea!‘, sage ich und breche in Tränen aus. Der Rezeptionist reicht mir ein Taschentuch, checkt mich ein und strahlt mich weiter an: ‚It will be alright, dear. Settle in, calm down and we will sort out everything else together.‘.

Mir fällt ein, dass ich immer noch kein Bargeld, dafür aber ein mittlerweile ausgeprägtes Hungergefühl habe. Bei all dem Taximurks vergaß ich, mich noch darum zu kümmern. Ich schildere ihm  die Situation und ehe ich noch weiter verzweifeln kann, hat er schon die Nummer der Bank herausgesucht, gewählt und drückt mir den Hörer in die Hand. Nach elendig langer Warteschleife ist endlich jemand am anderen Ende und ich schildere die Situation. Ich bin ja nur bis Sonntag hier, brauche Geld, was kann man tun? Sie will mir eine neue PIN schicken, in fünf Werktagen. Prima, das hilft akut herzlich wenig. Ich soll meine Begleitung fragen, ob ich mir was leihen kann, sie könne es dann jetzt überweisen. Hatte ich nicht gerade erwähnt, dass ich allein unterwegs bin? Ob es bis Montagfrüh warten könne. Ich liebe es wenn man mir gut zuhört. ‚Well, I am sorry. In that case I cannot do anything for you right now, Ma’am.‘ Ich denke nur ‘Don’t Ma’am me!’ und lege auf.

Michael lugt hinter der Rezeption vor, lächelt mich weiterhin stoisch-warm an und organisiert dann vom Nachbarpub ein Sandwich für mich, geliefert aufs Zimmer, bezahlt per Kreditkarte, ganz große Ausnahme. Auch für den morgigen Weg vom Hotel zur Hochzeit organsiert er mir ein Taxi, bezirzt so lange, bis auch dort eingewilligt wird, dass ich mit Kreditkarte zahlen kann. Ich lasse mich erleichtert aufs Bett fallen, ungefähr 4 Stunden später als geplant und schlafe zum Glück nach Genuss des Sandwiches recht schnell ein. Zumindest bis die lokale Dorfjugend auf dem Parkplatz direkt vor meinem Fenster lautstark zu feiern beginnt.

Samstag. Ich wache doch recht erholt auf und freue mich auf ein vernünftiges, sprich ‚full cooked breakfast‘. Es scheint, dass es genau das war, was ich brauchte, langsam kann ich wieder klar denken. Ich Idiot kann ja auch mit meiner deutschen Karte Bargeld abheben, warum ich da nicht schon am Flughafen dran gedacht habe, ist mir schleierhaft.

Ich schmeiße mich ins Kleid, kämpfe mit meinen Haaren bis sie entfernt nach etwas aussehen, was man Frisur nennen kann und pinsel mir ausnahmsweise ein wenig Farbe ins Gesicht. Für den Weg verzichte ich auf jegliches Stilempfinden und trage meine warmen Winterstiefel. Pumps und flache Schuhe habe ich im Rucksack dabei. Ich bin da eher praktisch orientiert. Der Taxifahrer ist ein Traum, stoppt mit mir kurz zum Geld holen und hat einen angenehmen Schnack drauf.

Über die grandiose Hochzeit muss ich gar nicht viel sagen, glücklich strahlendes Hochzeitspaar, zauberhafte Zeremonie, tolle Gäste, eine schöne Feier in beeindruckenden Räumlichkeiten. Es waren viel mehr bekannte Gesichter dabei, als ich zu hoffen gewagt hatte und es war einfach nur wunderbar, mit all den lieben Menschen, die ich zweieinhalb Jahre nicht sah, einen so schönen Tag zu verbringen. Das entschädigt allemal für die konfuse Anreise.

Nach einer rauschenden Feier falle ich gegen 23 Uhr ins Bett, das klingt früh, aber wir haben ja auch um 11 Uhr angefangen.

Sonntag. Der Feueralarm reißt mich um halb Sechs aus dem Tiefschlaf. Zum Glück müssen wir nur kurz bei eisigen minus 3 Grad draußen stehen. Jemand hatte beim Duschen die Badezimmertür offen gelassen, der Wasserdampf war zu viel für den Feueralarm. Nun gut, ich hau mich noch mal hin und bewege mich erst gegen Neun zum Frühstück.

Beim Frühstück begegnen mir T und K mit ihrer Tochter. Da die Kleine während des Essens am Vortag einen Ausschlag bekommen hatte, waren sie deutlich früher von der Hochzeit verschwunden, so dass wir kaum hatten reden können. Das wird jetzt nachgeholt, ausgiebig. Und ich hab mal wieder ein hinreißendes Baby auf dem Schoß, meiner inneren Ruhe gefällt das sehr.

Während ich den letzten Krempel in den Koffer packe, denke ich noch, dass der Taxifahrer, der mich zum Flughafen fahren soll, hoffentlich ein anderer ist, als der am Freitagabend. Da klingelt schon das Telefon und die Rezeption teilt mir mit, dass ein Wagen für mich da ist. Als ich auf den Parkplatz komme, läuft mir der Fahrer schon freudestrahlend entgegen. Es ist der gleiche. Er habe sich extra für diese Tour gemeldet, weil er sich noch mal entschuldigen wollte. Ok, das ist nett, aber ich hoffe etwas unrealistisch auf das spontane Wunder, dass er innerhalb der letzten 40 Stunden Autofahren gelernt hat.

Hat er natürlich nicht. Dafür findet er diesmal den Weg. Immerhin. Am Flughafen werde ich schnell meinen Koffer los und kann noch in Ruhe einen Kaffee zu mir nehmen, bevor es erstaunlich zügig an Bord geht. Juchu, zwei freie Plätze neben mir. Ich strecke die Beine zur Seite aus und döse weg. Rumms! Ein lautes Geräusch weckt mich. Ein Flugbegleiter hat diverse Dinge runter geschmissen, als er hektisch die Sauerstoffflasche aus der Verstauung zerrt und dann mit dieser einige Reihen hinter mich sprintet. Dort sind auch schon die restlichen Flugbegleiter und kümmern sich um jemanden. Ohje, hoffentlich nichts all zu ernstes.

Im Landeanflug scheinen wir bevorzugt zu werden, die Flugzeit kommt mir deutlich kürzer als normal vor. Der Pilot bittet alle sitzen zu bleiben, damit die Sanis gleich durch können, es habe einen medizinischen Notfall gegeben. Ich bin etwas erschüttert, wie viele Passagiere sich nicht die Bohne an diese Bitte halten, bis die Flugbegleiter sie sehr bestimmt zu einer direkten Anweisung machen, daneben stehend, den Weg versperrend. Bei einigen könnte man denken, sie müssten mit Gewalt zurück gehalten werden.

Wir sind kaum zum Stillstand gekommen, da flitzen die Sanis auch schon rein. Der Kapitän steht vorne und fängt an, schubweise die anderen Passagiere je halbe Sitzreihe herauszulassen. Immer nur so viele, dass schnell der Weg für einen Abtransport frei wäre. Da fängt der Mann hinter mir an, den Kapitän anzunörgeln, er müsse jetzt aber ganz schnell los, ganz wichtig, mega wichtig, aber ganz fix. Der Kapitän macht ein paar Schritte auf ihn zu, steht fast neben mir und weist den Nörgler mit ruhig-bestimmten Ton in die Schranken. Sir, that is a life! That is my priority right now, nothing else. You stay put until I say otherwise. Der Nörgler muckt noch einmal auf, aber der Kapitän wiederholt nur souverän: Life! Priority! Und strahlt dabei so eine angenehme Ruhe und Überlegenheit ohne Arroganz aus, dass ich ihn sofort knutschen möchte.

Im Endeffekt kommen wir dann alle sehr schnell raus, durch die Stückelung geht alles viel schneller und die Mehrheit der Passagiere strahlt eine angenehme Ruhe aus. Keiner rempelt oder drängelt. Kurze Zeit später habe ich auch meinen Koffer und bin schnell zu Hause.

Abends falle ich recht früh ins Bett, liege aber noch eine Weile wach und lasse die knapp 48 Stunden meiner Reise in die Vergangenheit Revue passieren. Ich hatte Angst vor der ersten Rückkehr, vor unkontrollierbaren Gefühlsausbrüchen, Vermissensattacken, Verzweiflung über die Entscheidung von dort weg gegangen zu sein. Auch wenn ich gerne auf die ganzen Aufregungen bei An- und Abreise hätte verzichten können, so haben sie doch verhindert, dass ich mir zu viele Gedanken habe machen können. So hatte auch das etwas Gutes. Und der schöne Teil in der Mitte, die Hochzeit, war ohnehin einfach traumhaft.

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2 Responses to Reise in die Vergangenheit

  1. Sehr schön geschrieben, habe mich köstlich amüsiert. Der Taxifahrer, meine Güte😉

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