Wie bitte?

Ich gebe ja gerne zu, dass mein Lebenslauf etwas ungewöhnlich ist. Ich habe viele Entscheidungen aus Mangel an besseren Ideen gefällt und habe sie dann einfach durchgezogen. Ob das jeweils eine gute oder schlechte Idee war, will ich an dieser Stelle nicht weiter betrachten. Fakt ist, dass dabei herauskam, dass ich nie in einem Bereich arbeitete, den man auch nur annähernd mit meinen Abschlüssen in Verbindung hätte bringen können.

Fünf Jahre in England und die vergangenen zwei in Deutschland arbeitete ich nun in der Marktforschung. Ich bin da reingerutscht und will da wieder raus. Dies war einer der Gründe, warum ich mich in den letzten zwei Jahren der Doppelbelastung eines berufsbegleitenden Studiums (MBA) ausgesetzt habe. Inhaltlich auch nicht in der Nähe dessen, was ich damals an der Uni lernte. Es war anstrengend und ich hatte nicht gerade die besten Voraussetzungen, was einige Umstände anbetrifft, aber es waren zum ersten Mal auch sehr viele Module dabei, die mich wirklich interessierten. Das hatte ich damals leider nicht.

Was ich nun damit anfangen will und werde, ist noch ungeklärt, ich suche noch. Um der Antwort näher zu kommen versuche ich, mir Inspiration und Input zu holen. Es gibt so vieles, was ich nicht kenne, von dem ich noch nicht weiß, dass es existiert. Auch der deutsche Arbeitsmarkt ist mir fremd, er ist so anders als das, was ich aus dem UK kenne. Sowohl Bezeichnungen für bestimmte Positionen und was sie umfassen, als auch viele Unternehmen selber, sind mir in Deutschland vollkommen unvertraut. Somit beschloss ich vor einiger Zeit, auf eine Absolventenmesse zu gehen. Die Zielgruppe dafür ist zwar eher der Berufsanfänger, was ich meine, nach sieben Jahren in Lohn und Brot nun doch nicht mehr ganz zu sein, aber dort hatte ich die Möglichkeit, mir komprimiert auf einem Haufen eine Menge verschiedener Arbeitgeber anzuschauen.

Ich kam also mit verschiedenen Personalern ins Gespräch, einige fragten nach meinem CV, den ich übersichtlich mit den Eckdaten auf eine Seite zusammengefasst hatte, das jüngste, aktueller Job und Studium, ganz oben und das erste Studium, in 2004 mit BSc in Ökotrophologie mit Schwerpunkt Ernährungswirtschaft (im Gegensatz zu Ernährungswissenschaft) beendet, ganz unten.

Ich dachte ja immer, dass man in der westlichen Welt von oben nach unten liest. Aber es scheint eine geheime HR-Regel zu geben, die diesem widerspricht, denn irgendwie lasen die alle von unten nach oben. Nein, eigentlich lasen sie nur unten und kamen nie oben an. Fast alle blieben auf meinem ersten Studienabschluss hängen, ignorierten jegliche weitere Ausbildung und schauten nicht eine Sekunde auf die Jobs und Berufserfahrung. Und im Zuge einer dieser merkwürdigen Betrachtungen ergab sich folgende Unterhaltung:

„Warum arbeiten Sie dann nicht wieder als Ernährungsberaterin?“

„Entschuldigen Sie bitte, ich habe nie als Ernährungsberaterin gearbeitet.“

„Aber Sie haben doch Ökotrophologie studiert!“

„Ja, habe ich, aber mit Schwerpunkt auf Ernährungswirtschaft. Und ich habe danach nie in dem Bereich gearbeitet.“

„Aber das ist doch egal, Sie haben das doch studiert!“

„Naja, in Teilen schon, aber eben nicht für Ernährungsberatung, das machen ja tendenziell auch eher Diätassistenten, das ist eine ganz andere Ausbildung. Und der Abschluss ist ja auch schon 8 Jahre her.“

„Das ist doch nun wirklich egal, Sie haben darin einen Abschluss. Dann können Sie das doch auch.“

„Nun, ganz abgesehen davon, dass ich in den Bereich nicht möchte und ich davon auch nur noch sehr wenig erinnere, habe ich in den vergangenen Jahren halt Erfahrung in der Marktforschung gesammelt.

„Aber das können Sie ja nicht!“

„Wie bitte?“

„Das können Sie nicht. Darin haben Sie ja gar keinen Abschluss.“

„Verzeihen Sie bitte, aber nur weil ich in dem Bereich keine formale Ausbildung habe, heißt das nicht, dass ich das nicht kann.“

„Aber da fehlt Ihnen doch das ganze Grundlagenwissen!“

„Hm, also nach sieben Jahren praktischer Erfahrung habe ich mir da schon eine Menge an Wissen angeeignet und auch darüber hinaus viel gelernt, was man in einer theoretischen Ausbildung gar nicht so lernen kann. Ich hab halt Praxiserfahrung gesammelt.“

„Nee, also ich finde ja Sie sollten wieder Ernährungsberatung machen. Da haben Sie schließlich einen Abschluss drin.“

Ich unterdrücke mühsam einen deutlichen Ausdruck meines Unglaubens, will „Wieder??? Ernsthaft? Haben Sie mir eigentlich zugehört, bzw. können Sie eigentlich lesen?“ sagen, rolle aber innerlich nur gequält mit den Augen.

Ich lächele ihn an, verabschiede mich freundlich und beschließe, meine Frustration über die eingeschränkte Denke dieses Menschen, in einem Kaffee ertränken zu gehen. Leider folgten noch sechs weitere, sehr ähnlich geartete Unterhaltungen. Und ich bin immer noch keinen Schritt weiter damit, den deutschen Arbeitsmarkt zu verstehen.

Vollkommen unverständlich.

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18 Responses to Wie bitte?

  1. Okay, wenn ich eine Frage zur Ernährung habe, wende ich mich an Dich. Verstanden.

  2. Ich kann Dir natürlich auch einen Job bei meinem Arbeitgeber, diesem großen Marktforschungskonzern, anbieten. Harhar.

  3. andijah says:

    Ich beobachte schon seit Jahren, dass auf den Jobmessen, die für Berufseinsteiger gedacht sind, oft auch HR-Anfänger am Stand sind, und das kann, wenn man schon Erfahrung hat durchaus frustrierend sein, wenn die Gesprächspartner den Lebenslauf nicht so lesen, wie man ihn verstanden wissen möchte.
    Das hat übrigens nichts mit dem deutschen Arbeitsmarkt an sich zu tun. In den letzten 10 Jahren hat sich viel verändert, was das Pochen auf schriftliche Nachweise und Qualifikationen angeht, allerdings kommt es immer auch auf die Branche und das Unternehmen an. Und natürlich auf den einzelnen Personaler, der die Bewerbung in die Hände bekommt.

    Die HR-Welt ist sicher an einigen Punkten verbesserungsbedürftig, aber es ist nicht so schlimm, wie es sich im Moment anfühlen mag.

    Grüße von einer Personalerin, die ebenfalls Quereinsteigerin war und vor 10 Jahren aus UK nach Deutschland kam, um Arbeit zu finden🙂 [Es hat geklappt!]

    • kleinereimer says:

      Dass nicht jeder Personaler so drauf ist, ist mir vollkommen klar. Es gibt natürlich auch in dem Bereich Anfänger, die noch lernen müssen. Allerdings war dieser Mensch defintiv kein Berufsanfänger in seinem Bereich, und die anderen mit denen ich sprach auch nicht. Auch deckten sie eine Bandbreite and verschiedenen Branchen ab.
      Dass sich einiges änderte, höre ich von vielen Seiten, nur erleben tu ich es nicht. Der hilfreiche Satz “Sie sind völlig überqualifiziert, aber total unerfahren.” wurde mir neulich grad entgegengeschleudert. Was ich damit anfangen soll, ist mir schleierhaft. Abschlüsse wieder abgeben?

      Und ich dachte eigentlich, dass sich zumindest in einem face-to-face Gespräch eindeutiger klären lässt, wer ich bin und was ich zu bieten habe. Dass das auf dem Papier mal missinterpretiert werden kann, verstehe ich vollkommen.
      Ich empfinde hier, genau anders als ich es im UK erfuhr, überhaupt nicht als das Gesamtpaket, welches ich bin/biete gesehen zu werden, das frustriert.
      (Natürlich werde ich Arbeit finden, das bezweifel ich nicht.Nur wäre es schön, etwas tun zu können, was mich auch interessiert und nicht langweilt…)

      • andijah says:

        Naja, dass ich überqualifiziert bin, höre ich heute noch manchmal. Und dass ich von HR noch nicht genug verstehe, ebenfalls. Das geht inzwischen bei einem Ohr rein und beim anderen wieder raus. Generell sind viele HR-ler eher konservativ, und ob man will oder nicht, mit einem “bunten” Lebenslauf muss man viel größere Brücken bauen als mit einem vermeintlich “geraden” Weg. Das muss man nicht mögen, klar, aber von jetzt auf gleich ändert sich halt leider auch wenig. Die Recruitingtradition in UK ist in so vielen Punkten ganz anders, dass beide Länder schwer vergleichbar sind.

        Mit Recruiting ist es halt auch ein bisserl so wie mit Blockflötespielen: jeder denkt, es sei ganz einfach, viele versuchen sich entsprechend daran, und wenn es schlecht gemacht wird, sagt jeder, das sei ja grässlich😉

      • kleinereimer says:

        Welch schönes Bild, jetzt sind alle meine traumatischen Weihnachtszwangblockflötenauftritte wieder da.😉

        Klar, die Brücken zu bauen ist schwieriger, dafür decken die größeren Brücken aber auch mehr ab.🙂

  4. Ich habe Geschichte und Politikwissenschaften studiert. Als Gabelstaplerfahrerin bei einer Werft gearbeitet. Und dann bei einer Lokalzeitung volontiert. Tröste Dich, mir empfahl man Lobbyarbeit für die Industrie.

  5. Kenne ich. Auch wenn meine letzte wirklich ernst gemeinte Bewerbung schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Praxis, also das was wirklich zählt, vs. Abschluß in Total-Egal-Was 0:1

    MfG,

    ein Klempner (1979-1982)

  6. So scheint scheinbar das leben jedes Quereinsteigers zu sein.
    Solche Gespräche in dieser Art hatte ich auch oft, auch wenn die HRler nie wirklich so ignorant waren das man sie mit reden nicht hätte überzeugen können.

    Ich habe eine Ausbildung als Kaufmann für Bürokommunikation gemacht und danach nie wirklich in dem Bereich gearbeitet.
    Dadurch musste ich mich über 5 Jahre durch Zeitarbeitsfirmen hangeln bis ich jetzt endlich eine Festanstellung im IT Bereich gefunden habe, ohne eine Ausbildung in dem Bereich.

  7. Peter Jakobs says:

    ich kann nicht anders, als meine Stimme in die andere Waagschale zu werfen.
    Seit bald 25 Jahren verdiene ich mein Geld, und mein höchster Bildungsabschluss sind ein Fachabitur sowie ein abgebrochenes Studium der Elektrotechnik. Ein Stück weit glaube ich immer, Glück gehabt zu haben, denn als ich in mein Fach (die IT) einstieg, gab es keine wirklich passende Ausbildung. Wenn ich mich heute unter meinen Kollegen umsehe, dann sind da Ingenieure, Betriebswirte, Mathematiker selbst Sprachwissenschaftler, mit und ohne Doktorgrad. Der fachliche Unterschied ist zumeist null.
    Ein einziges Mal hat ein Unternehmen (genaugenommen: ein Personalberater) mich abgelehnt, weil ich keinen akademischen Grad habe. Erstaunlicherweise bin ich Jahre später doch genau in diesem Unternehmen, der IBM, gelandet – über eine Acquisition.
    Aber wie gesagt, vermutlich liegt es einfach daran, daß die IT immer noch ein sehr offenes Feld ist, ein Feld, das in vielen Bereichen nach den anglo-amerikanischen Prinzipien lebt. Ich kann mir durchaus vorstellen, daß alteingesessene deutsche Unternehmen da anders funktionieren.

    In meinem allerersten Bewerbungsgespräch wurde ich gefragt, ob ich denn schonmal wegen meines abgebrochenen Studiums abgelehnt worden sei. Ich habe darauf geantwortet “nein, und wenn, dann wäre es doch nur ein Zeichen, daß dieses Unternehmen nicht zu mir passt”. Meine Jahre bei der IBM haben dies nur bestätigt.

  8. Pingback: Woanders – diesmal mit Mathematik, Advent, Lebenslügen und Quasimodo | Herzdamengeschichten

  9. Eine Freundin sagte mal, wir leben gar nicht in einer Leistungsgesellschaft, wie es immer heißt, in Wahrheit leben wir in einer Leistungsnachweisgesellschaft. Vollkommen egal, was man wirklich kann – das Wichtigste ist, dass man einen offiziellen Zettel hat, wo irgendwas draufsteht, was man gelernt hat.

  10. Paula says:

    Das ist typisch Deutsch. Dass Quereinsteiger und Leute mit praktischer Erfahrung viel kreativer, belastbarer, fantasievoller – überhaupt viel besser – als Hochschulabsolventen mit grüner Farbe hinter den Ohren sind, hat sich hier noch nicht herumgesprochen. Außerdem müssen Deutsche immer in Schubladen eingeordnet werden, Musiker z.B. können keine Bilder malen und Schauspieler dürfen nicht musikalisch sein. Das. geht. nicht. Manchmal möchte man einfach nur auswandern…

    Paula
    (Geschäftsstellensekretärin, die vorher 10 Jahre lang selbständig in der Musikalienbranche war und ganz früher mal eine 2. Staatsexamen als Lehrerin gemacht hat).

  11. Hmm. Als ich zur Zwischenfinanzierung der Diss aufs Arbeitsamt musste hiess es:
    “schade dass Sie Ihr Studium nicht abgeschlossen haben… aber zumindest haben Sie Erfahrung in Promotion (bitte englisch aussprechen)…”
    WTF?!?
    Nun arbeite ich in der Qualitätsentwicklung. Eindeutige Qualifikation dafür scheint der inzwischen abgeschlossene Doktor in Kunstgeschichte zu sein.
    Ich verstehe es ja auch nicht, hoffe aber, dass für mich irgendwann einmal Praxiserfahrung bei der Jobsuche ausschlaggebender sein wird als Theoriestudium.
    Viel Erfolg!

  12. Katarina says:

    Ich kann die Erfahrungen von Peter Jakobs nur bestätigen. Kaufmännische Ausbildung, nach verlassen der Ausbildungsfirma nur noch in diversen IT Firmen beworben und gearbeitet, und die Rede kam noch nie auf meine ursprüngliche Ausbildung, oder die für meinen Job fehlende Ausbildung… andererseits ist einer der vielen Gründe, warum ich nur in der IT-Branche arbeiten möchte, auch der, dass man da fast durchgängig lässige Kollegen hat – die kein Problem damit haben wenn man da als Anti-Aushängeschild durchschlurft (hab starre Regeln bei Verhalten und Kleidung schon immer gehasst…)

  13. Meike says:

    Oh, wie schön.
    Momentan studiere ich Ökotrophologie mit Schwerpunkt Ernährungswirtschaft. Ich habe diese Entscheidung damals aus Mangel an besseren Ideen gefällt und ziehe das jetzt durch so. Mittlerweile habe ich vage Vorstellungen davon was ich nach dem Studium machen könnte, aber das hat alles wenig mit Ernährung zu tun -wovon ich eh nur die basics weiß und ansonsten wenig Ahnung hab, egal wie interessat das eigentlich alles ist. Und jetzt hab ich Angst dass mir Personaler nun für immer zur Ernährungsberatung raten werden. Immerhin hab ich darin dann einen Abschluss.

  14. Manu says:

    Zuerst mal: lass dich nicht unterkriegen. Mit einem abgebrochenem Philosophiestudium, einem BA in Literatur- und einem Master in Wirtschaftswissenschaften konnte auch in England nicht jeder was anfangen. Was ich sehr hilfreich fand, war das Profil” vom englischen Lebenslauf zu übernehmen und da gleich zu sagen, welcher Leitfaden sich durch den CV zieht und worauf es dir ankommt, was genau du machen willst und wie sich das auf deinen Stärken begründet. Das habe ich auch für jeden Job und für jedes Studium gemacht, nicht hinschreiben, was man da gemacht hat (ein HRler sollte wissen, was eine PA, ein Call Center Agent / Researcher etc. macht), statt dessen habe ich für jeden Punkt hingeschrieben, was ich dort gelernt habe, was mir in der angestrebten Rolle hilft. Also weg vom Fakten auflisten, sondern Kompetenzen aufzeigen. Viel Glück! (Ich bin inzwischen erfolgreich re-patriasiert und hatte auch gerade wegen der Auslandsaufenthalte viel positives Feedback. Außerdem würde ich es vielleicht mal bei internationalen Marktforschungsunternehmen versuchen, die standardisieren häufig ihre HR Prozesse)

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