Hackbraten für’n Eimer

Kochen und der Eimer verstehen sich nicht so sonderlich gut. Am Ende dieses Posts werden Sie vermutlich verstehen, warum das so ist.

Es fängt schon damit an, dass ich meist nicht einmal eine grundsätzliche Idee habe, was ich denn so kochen könnte, bzw. wonach mir überhaupt der Sinn steht. Ich esse unheimlich gern Obst und Gemüse, bin aber gegen unheimlich viel davon allergisch, zumindest im rohen Zustand. In gekochter oder anderweitig malträtierter Variante ärgern mich dann zwar ein paar davon weniger, aber immer noch genügend, um es äußerst nervig zu finden. Das schränkt dann doch ein wenig ein. (Wer hat eigentlich damit begonnen, kleingeraspelte Karotten in Salate rein zu mischen? Mit dem habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen! Sobald ich wieder Luft bekomme.)

Ich kann auch ganz schlecht einschätzen, was ich morgen gern essen würde, schlimmer noch übermorgen, oder ob ich dann überhaupt Zeit zum kochen habe. Ich sollte anmerken, dass ich bei einer angegeben Zubereitungszeit von 30 Minuten meist eine Stunde benötige. Steht da eine Stunde, so brauche ich durchschnittlich 90 Minuten. Dabei schnibbel ich eigentlich flott, muss aber dank limitierten Platzes zwischendurch etwas aufräumen. Und ich komme mit den Zutaten durcheinander, vor allem Gewürze verwirren mich.

Ich kann ‘eine Prise’, ‘eine Messerspitze’, ‘gestrichene’ und ‘gehäufte Tee- oder Esslöffel’ und diverse andere messbare Quanten. Ich kann das sogar alles problemlos hoch oder runter rechnen, wenn für mehr oder weniger Personen als angegeben gezaubert werden soll. Bei ‘einem Hauch’ fängt mein innerer Monk schon an, leicht verwirrt vor dem Herd auf und ab zu tigern, und bei ‘mit Gewürzen abschmecken’ ist endgültig Schluss. Welche Gewürze? Wie viel davon? Lieber wechsle ich einen Autoreifen ohne Hilfe. Und ohne jegliche Mengenangabe gelistete Zutaten tausche ich gerne gegen einen kompletten Satz zu wechselnder Autoreifen ein. Das kann ich wenigstens.

So häufig schon habe ich Diverses besorgt, nur um dann ein paar Tage später festzustellen, dass ich jetzt mal ganz fix alles aufessen sollte, bevor es schlecht wird. Essen wegschmeißen geht nämlich mal gar nicht! Und da ich vollkommen überfordert bin, aus Vorhandenem (was natürlich nie für ein bestimmtes Rezept reicht), “irgendetwas zu zaubern”, esse ich schon mal zwei Zucchini roh zu ‘ner Scheibe Brot, weil sie eben weg müssen. Das geht schnell, ich muss nicht lange nachdenken und Brot habe ich fast immer da. Zur Not eben Knäckebrot.

In den meisten Momenten, in denen ich ungeplant im Supermarkt stehe, weil ich noch eben schnell einen Liter Milch kaufen will, und feststelle, ich hätte Zeit zum kochen, habe ich dann, selbst wenn eine Kochidee vorhanden sein sollte, natürlich keine Ahnung, was ich dazu brauchen würde. Ich habe es mehrfach versucht. Es fehlten immer die entscheidenden zwei oder drei Zutaten. Also lass ich das.

Und dann gibt es die seltenen, ganz seltenen, wirklich äußerst seltenen Momente, in denen ich endlich etwas gefunden habe, von dem ich denke, ich könnte es a) mögen und b) einigermaßen unfallfrei kredenzen, und ich habe c) die Gewissheit, genügend Zeit für die Zubereitung zu haben und d) der Supermarkt hat tatsächlich auch noch offen. Selten. Und dann muss ich einkaufen gehen. Mit Liste.

Am vergangenen Freitag fror nun die Hölle zu, a) – d) schienen gleichzeitig einzutreffen. Ich nahm, wie schon langer Hand geplant, des Zopfens Rezept für Hackbraten zur Hand. Ich habe bereits mit seinem Rezept für Käsekuchen ein kleines Wunder erleben dürfen (Küche steht noch und keiner fiel nach Genuss einer Lebensmittelvergiftung anheim), so dass ich ein gewisses Vertrauen entwickelt habe, dass der Herr seine Rezepte sogar für mich Kochhonk verständlich schreibt.

Ich nahm also das Rezept und schrieb auf, was ich bräuchte. Einige der Gewürze waren tatsächlich schon in meinem Schrank vorhanden, andere schafften es auf die Einkaufsliste mit den restlichen Zutaten. Das sah dann so aus:

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Angeknüllter Einkaufszettel

Der aufmerksame Leser entdeckt bereits Konfliktpotential.

Einige Minuten später gab es die ersten Sichtungen eines verwirrten Eimers vor dem Gewürzregal. Grundsätzlich und erfreulicherweise alphabetisch angeordnet, hatten Vorgängereinkäufer diverse Döschen falsch eingeordnet. Mein innerer Monk lief zu Hochtouren auf und zehn Minuten später stand der Ingwer nicht mehr beim Thymian, Liebstöckel war aus der Salbeireihe entfernt worden, überhaupt sah es viel ordentlicher aus, da nun alle Etiketten nach vorne zeigten, und in meinem Korb fanden sich Paprika, Koriander und Grillgewürz wieder. Nur Senfsaat war nicht zu finden. Was ist eigentlich Senfsaat? Hätte ich ja mal zu Hause googeln sollen. Ich tat es im Supermarkt, wurde aber dank Edge nicht wesentlich schlauer. Dann erstmal auf zum Kühlregal.

Sauerrahm. Ähm, wie viel brauch ich davon? Und Moment mal, ich finde das nirgends. Ach halt, Rahm sagen sie doch irgendwo zu Sahne, also ist das das gleiche wie saure Sahne? Und was ist eigentlich der Unterschied zwischen sauerer Sahne, Schmand und Crème Fraîche? Egal, ich nehme jetzt saure Sahne, zwei Töpfchen, wie mir hilfreicherweise die @textzicke empfahl.

Wieder zu Hause bemerkte ich, dass ich etwas anderes vergessen hatte und machte mich erneut auf, diesmal zu dem etwas größeren Supermarkt in der anderen Richtung, in der Hoffnung, dort vielleicht dem Senfsaatgeheimnis ein wenig näher zu kommen. Ich fand Senfkörner und Senfpulver. Ist das nun das richtige? Wieder half die @textzicke.❤ Danke! Da ich keinen Mörser habe und auch dort keinen fand, blieb ich beim Pulver.

Insgesamt zwei Stunden später hatte ich tatsächlich alles beisammen, saß wieder zu Hause und hatte aber einen dermaßen großen Hunger, dass ich dringend JETZT etwas essen musste. Eine oder gar anderthalb Stunden zu warten, fand mein Kreislauf inakzeptabel. Und es passte zeitlich ohnehin alles nicht mehr, ich war noch mit dem Goldschatz verabredet. Die Hölle taute ein wenig auf.

Da der Goldschatz gerade erst frisch am Freitag zurück nach Hamburg zog, war natürlich noch nichts ausgepackt. Er wollte neue Regale, also hielt ich ihn davon ab, die alten schon vollzuräumen und schlug einen gemeinsamen IKEA-Trip vor. Ja, für Samstag, ich weiß. Ich verbrachte also den Samstag erst bei IKEA und dann mit dem Aufbau mehrerer Billys und Bennos, aber weit, weit weg von meinen Hackbratenzutaten. So geht es mir immer wieder, irgendwas kommt dazwischen. Die Hölle taute weiter auf.

Sonntag. Hackbratenzeit. Endlich.

Alle Zutaten um mich herum drapiert, Zwiebeln und Knoblauch (keine Ahnung, welche Menge ‘etwas’ ist, ich nahm eine Zehe weil ich ihn mag, und als Single hat man da gewisse Freiheiten) schon mal geschnibbelt, in Platzoptimierung zu Höchstformen aufgelaufen und dann über eine weitere fehlende Mengenangabe gestolpert, Paniermehl. Immerhin weiß ich mittlerweile schon, dass Paniermehl das gleiche wie die mir bekannten Semmelbrösel ist. Man macht ja doch ab und zu Fortschritte. Aber wie viel brauche ich nun davon. Ich versuchte es nach Gefühl.

‘Salz, Pfeffer, Gewürze. Nach Geschmack.’ Dankbar für eine Auflistung der verwendeten Gewürze, stellte sich mir dennoch die Frage, wie viel Mikro/Milli/Kilo/Gramm davon brauche ich jeweils? Ich versuchte es erneut nach Gefühl. Manschte ein wenig rum, formte einen Riesenklops und war froh, als ich nach viertelstündiger Suche auch endlich meine Auflaufform im Keller wieder fand.

Die Sauce. ‘Mischen Sie den Sauerrahm mit etwas Wasser, Zitronensaft und weiteren Gewürzen. Hier wurden Salz, Pfeffer und ein Hauch Oregano verarbeitet.’ Da waren sie wieder, meine drei Probleme: ‘etwas’, keine Angaben und ‘ein Hauch’. Herrjemine. Mein Gefühl fühlte sich überstrapaziert.

Irgendwann sah das ganze dann aber so aus:

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Klops mit Sauce

Hätte wohl schlimmer sein können.

Beim Lauch konnte ich endlich brillieren, denn esse ich gerne und häufiger, nahm daher auch total rebellisch zwei anstatt einen und musste niemanden zwecks Fragen der Reinigung anrufen. Das mit der Brühe war mir neu, klang aber einleuchtend und über den ‘Hauch’ beim Pfeffer konnte meine Gefühl nur noch müde grinsen. Lauch kann ich.

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Dem Lauch wird ganz warm ums Herz. Er wird geliebt.

Wie man Kartoffeln raspelt, ohne sich die Finger zu verstümmeln, wollte ich nicht ausprobieren und habe mit höchster Konzentration und einem verdammt scharfen Messer hauchdünne Scheiben geschnitten. Funktionierte. Was eine ‘ordentliche Menge’ und ‘großzügig’ in Maßeinheiten sind, weiß ich immer noch nicht, aber bei meinem Gefühl setzte wohl ein Trainingseffekt ein. Resultat:

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Kartoffeln in den Wechseljahren

Durch ein mittelschweres Wunder, stimmte das Gesamttiming einigermaßen, und aus dem Backofen kam dieses Etwas:

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Hackklops mit liegendem π in Sauerrahmsauce

Na denn wollen wir mal. Es ist angerichtet:

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Schön anrichten überlasse ich anderen

Zu meiner großen Verwunderung, habe ich das mit den Gewürzen hinbekommen. Es schmeckte weder fad, so wie bei meinen sonstigen Kochversuchen, noch dominierte ein Geschmack den anderen. Mein Gefühl jubiliert.

Allerdings ist der Hackklops sehr fest geworden. Ich vermute, mit meinem Gefühl stimmt doch etwas nicht, zumindest bezüglich Paniermehlmengen. Hinweise werden dankbar entgegengenommen.

Ich mache mir jetzt noch ein paar Reste warm. Guten Appetit!

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4 Responses to Hackbraten für’n Eimer

  1. Manu says:

    Ende gut, alles gut😉 Übrigens, was Gemüsereste angeht: So ziemlich alles lässt sich, leicht in wenig (z.B.Oliven-)Öl angebraten, vor dem Verderb noch schnell lecker zubereiten. Zum Beispiel Eimers Zucchini von ziemlich weit am Anfang. Kleinschnippeln (ob in Streifen, Scheiben, Halbkreise, herzförmig oder zu Pixeln ist eigentlich egal), mit etwas Salz (einer Prise oder zweien vielleicht? ;-)), falls vorhanden einem Zweig Rosmarin und einer kleingewürfelten Zwiebel im Öl braten, zum Brot essen. Hmmm. Falls noch eine oder zwei halbmatschige Tomaten weg müssen, diese in Achtel geschnitten 1-2Min nach den Zucchinistückchen mit in die Pfanne geben. Oder einige Kapern aus einem angebrochenen Kapernglas. Oder Paprikawürfel. Oder oder oder🙂

    Allzeit guten Appetit wünscht
    Manu
    (die Kochbücher eigentlich nur zum Angucken benutzt, aber aus innerem Improvisationszwang heraus nie nach Rezept kocht)

    • kleinereimer says:

      Dank Dir, Zucchini bekomme ich auch ganz gut in der Pfanne hin, meist siegt dann aber die Faulheit und ich mag sie auch roh sehr gerne. So etwas Feines, wie frischen Rosmarin habe ich nie einfach so da, das gleiche gilt für Zwiebeln und Paprika, alles nur da wenn zielgerichtet gekauft. Und mit Kapern kann man mich jagen. Ich mach jetzt erstmal Babysteps und hangle mich von einem Rezept zum nächsten.😉

  2. telesabbie says:

    liebes eimerchen,
    einige deiner probleme kenne ich nur zu gut. folgende lösungen haben sich bewährt:
    tiefkühlware – grad bei kräutern gute alternative zu frisch, gemüse lässt sich perfekt portionieren und vergammelt nicht (bspw. paprika, erbsen, mischungen).
    rezepte – eine sammlung vieler leicht zu kochenden gerichte gibt es auf muddikocht.wordpress.com
    übung – hat man ein leckeres essen erfolgreich gekocht, macht man es innerhalb kurzer zeit noch ein paar mal. bis es sitzt und/oder sich die zu bekochenden beschweren.
    guten hunger!🙂

    • kleinereimer says:

      Hach ja, eine Tiefkühltruhe, oder zumindest ein größeres Fach, bzw. den Platz dafür zu haben, das wäre schon fein. Seufz.
      Genügend Rezepte habe ich zur Hand, das ist nicht so sehr das Problem. Mehr wohl, dass ich einfach zu viele habe und immer nicht weiß, wo ich anfangen soll oder will.

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