Musik-Liebe

Es war im Jahre 1923 oder 1924, als Marie, gerade erst Anfang 20, ihr erstes öffentliches Klavierkonzert geben sollte. Der Saal im Konservatorium war voll besetzt und ihr Professor begrüßte die Anwesenden. Leider war die junge Dame, die die Noten für Marie umblättern sollte, erkrankt und so fragte er während er die Pianistin vorstellte, ob es unter den Gästen jemanden gäbe, der freundlicherweise einspringen könne.

Er hatte den Satz noch gar nicht beendet, als ein junger Mann aus der zweiten Reihe aufsprang, flink die Stufen zur Bühne erklomm und sich neben Marie setzte.  Sie schaute ihn aufgeregt an. Ihre Aufregung wurde noch größer, denn er zischte ihr leise zu: “Ich kann aber gar keine Noten lesen.” Sie war zu schüchtern, um aufzustehen und erneut ins Publikum nach einem notenkundigen Umblätterer zu fragen. Aber er präsentierte ihr auch schon seine Lösung: “Das ist doch gar nicht so schlimm. Sie stoßen einfach immer mit Ihrem Knie an das meine, wenn Sie möchten, dass ich weiter blättere.”

Marie begann zu spielen und nach einigen Seiten hatte sie sich auch daran gewöhnt, den jungen Mann regelmäßig am Knie zu berühren. Obwohl das Konzert ein großer Erfolg wurde, wusch sie ihm danach aber noch ordentlich den Kopf: “Was haben Sie sich nur dabei gedacht?! Sie hätten mich beinahe vor allen blamiert!” Er aber ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und entgegnete ihr lächelnd: “Ach, nun seien Sie doch nicht so hart mit mir. Es klappte doch fabelhaft. Und wissen Sie eigentlich, wie gut Sie es haben, dass Ihr Elternhaus Ihnen eine solch exzellente musikalische Ausbildung ermöglichen kann? Ich habe sieben Geschwister, wir sind froh, wenn wir satt werden. An Musik ist dabei nicht zu denken, aber ich liebe die Musik und kam deswegen zum Konzert. Und als sich die Gelegenheit bot, war es einfach zu verlocken, Sie kennen zu lernen.”

Maries Herz erweichte und sie bot dem jungen Mann, der sich mittlerweile als Fritz vorgestellt hatte, an, ihre Eltern zu fragen, ob sie ihn einladen dürfe. Denn in Maries Elternhaus war der Donnerstag ein musikalischer Jour Fixe, die gesamte Familie kam jede Woche mit ein paar Freunden zusammen, um gemeinsam zu musizieren. Sie schlug ihm vor, ihn vorher jedes Mal eine halbe Stunde in Musiktheorie zu unterrichten.

Viele Wochen lang also kam Fritz donnerstags zu Marie und sie brachte ihm Noten und Takt bei, erklärte Dur und Moll, und ließ ihn den Quintenzirkel herunterbeten, bevor sie dann gemeinsam mit der Familie und Freunden spielten und sangen. Er war ein gelehriger Schüler und behielt alles, was sie ihm beibrachte.

Nach mehreren Wochen geschah es plötzlich. Eine befreundete Sopranistin erklärte, sie sei heute nicht in der Lage, das geplante Stück zu singen. Ihre Stimme könne momentan nicht zum notwendigen hohen C reichen, sie würde stattdessen lieber etwas anderes darbieten. Fritz merkte an, man könne doch beim geplanten Programm bleiben, indem man das Stück einfach transponiere. Die anderen meinten aber, dass das viel zu aufwendig sei und zu lange dauern würde. “Aber das dauert doch gar nicht lang”, sagte Fritz, setzte sich ans Klavier und begann, die ersten Takte des Stückes in Originaltonart zu spielen. Dann wiederholte er die Takte und ging jeweils Halbtonschritte runter. Nach dem fünften Mal fragte er in die Runde: “Ist das nun tief genug?”

Ihm begegnete ein eisiges Schweigen und er wurde ob seiner frechen Lüge über seine musikalischen Fähigkeiten sofort vor die Tür gesetzt. Die folgenden Wochen fanden die Donnerstage ohne ihn statt und ein halbes Jahr lang herrschte absolute Sendepause.

Allerdings bemerkten Freunde, dass Marie und Fritz sich natürlich längst in einander verliebt hatten und so erbarmten sie sich und stellten den Kontakt wieder her. In Folge wurde Pfingsten 1925 Verlobung gefeiert und nach dem von Maries Vater verlangtem Studienabschluss durfte Fritz dann endlich im November 1927 seine verehrte Marie heiraten.

Im November 1928 kam ihre erste Tochter auf die Welt und es folgten noch drei weitere Kinder. Sie überlebten wohlbehalten die Kriegsjahre und fanden sich sogar alle wieder, nachdem sie getrennt von einander Richtung Westen flüchteten. Im Sommer 1961 starb Marie viel zu jung, ihr geliebter Fritz folgte ihr nur vier Monate später.


Ich bin viel zu jung, um Marie und Fritz noch kennengelernt zu haben. Aber ich habe das große Glück, heute noch viel über sie zu erfahren, erzählt von ihrer ersten Tochter, meiner Großmutter.❤

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