Warum manchmal ein kleiner Tweet einen großen Unterschied macht

Es läuft gerade sehr vieles recht suboptimal.

Nichts davon ist existenziell oder hochgradig dramatisch, aber die Summe vieler kleiner Dinge, die schon lange an den Nerven, der Kraft und dem Selbstbewusstsein zehren, führt dazu, dass ich mich nicht erinnern kann, wann ich das letzte Mal mit einem Lächeln und dem Gedanken “Dies war ein guter Tag” ins Bett ging.

Ich gehe, wie vermutlich die meisten Menschen, gerne mit einem Lächeln ins Bett, denke an das, was mich zum Lächeln brachte, male mir aus, wie ich diese Erinnerungen mit in einen Traum nehmen werde und schlafe dann in der Regel erholsam, selbst wenn es nur wenige Stunden sind. Das fehlt. Schon viel zu lange.

Gestern war wieder so ein Abend, an dem ich am liebsten gar nicht ins Bett gehen wollte, ohne meinen Lächeltraumplangedanken funktioniert das einfach nicht sonderlich gut mit der Nachtruhe. Was macht also der gemeine Twitterer, er schaut noch einmal in die TL. Und dort stand gerade ganz oben dieser Tweet von @Juchtenkaeferl:

Kohlrabi

Nur scheinbar ein unscheinbarer Tweet

Der Lachanfall, den ich beim Lesen bekam, war in seiner Heftigkeit ähnlich ausgeprägt, wie der Begeisterungssturm, der mich in der Situation erfasste, die ich nun gerade erinnerte:

Ich lebte bereits seit vier Jahren in England und hatte schon seit ungefähr zwei Jahren aufgegeben, Kohlrabi in den an sich hervorragend sortierten Gemüseabteilungen diverser größerer und kleinerer Supermärkte, auf speziellen farmers’ markets oder sonst irgendwo in England aufzutreiben. Ich hatte lange überlegt und recherchiert, unter was Kohlrabi denn nun auf der Insel bekannt sein könne und war, trotz der in der Tat absolut korrekten Übersetzung ‘kohlrabi’ und auch unter Zuhilfenahme der botanischen Bezeichnung (Brassica oleracea var. gongylodes L.), keinen Schritt weiter gekommen. Niemand wusste, was dieses merkwürdige Gemüse sein sollte oder konnte mir mitteilen, wo man es bekäme. Ich war sehr betrübt darüber, denn ich mag Kohlrabi außerordentlich gerne. Aber es ließ sich nichts machen.

Dann besuchte ich für ein Wochenende meine Freundin Isa in München. Samstag am späten Vormittag fiel uns ein, dass wir noch schnell einkaufen gehen sollten. Es gibt bei ihr in Fußnähe nur einen kleinen Supermarkt, der am Wochenende relativ zeitig zu macht und so düsten wir eine halbe Stunde vor Ladenschluss noch fix rüber. Scheinbar hatten viele andere die gleiche Idee, der Laden war nämlich proppenvoll.

Während wir uns also so durch die vollen Gänge schlängeln, entdeckte ich plötzlich die Gemüseauslage mit einem riesigen Berg von Kohlrabi. Ich flitzte rüber, griff einen Kohlrabi, hielt ihn hoch und rief meiner Freundin quer durch den ganzen Supermarkt ziemlich laut zu:

“ISA! OH MEIN GOTT! ICH GLAUB ES NICHT! DIE HABEN HIER KOHLRABI!”

Isa ist zum Glück nicht von der schüchternen Sorte, allerdings verstand sie meine Begeisterung erst später, als ich ihr von meiner bis dahin fruchtgemüselosen Suche erzählte. In dem Moment lächelte sie einfach souverän in die Runde, während ich bemerkte, dass mich ungefähr 35 verdutzte Augenpaare anstarrten und ich mit knallrotem Gesicht am liebsten sofort im Erdboden verschwunden wäre. Dann brach ungefähr die Hälfte der Umstehenden in Gelächter aus und ich wurde noch roter.

Wer mich auch nur ein wenig kennt, weiß, dass diese Art von Gefühlsausbruch bei mir eigentlich nicht vorkommt. Ausgeprägte Freude natürlich schon bei jeweils passender Gelegenheit, aber nicht in einer Art, die dermaßen Aufmerksamkeit erregt. Es war mir maßlos unangenehm. Ich legte Isa flink fünf Kohlrabi in den Wagen, murmelte ihr etwas von ‘ich muss welche mit zurück nach Hause nach England nehmen’ und ‘ich warte vor der Tür’ zu und zack! war ich draußen.

Seit diesem Wochenende hat Isa immer ein paar Kohlrabi da, wenn ich zu ihr fahre. Und als sie mich mal in London besuchte, übergab sie mir mitten auf der Oxford Street drei Kohlrabi.

An den Ausdruck auf den Gesichtern der Umstehenden bei dieser Übergabe musste ich gestern beim Lesen von Juchtis Tweet denken.

Und ich lächelte.

Und dann träumte ich von Kohlrabi.

Manchmal reicht eben auch ein vermeintlich unscheinbarer Tweet, um aus einem schlechten Tagesende einen guten Start in die Nacht zu machen.

20130124-220538.jpg

Der wird jetzt gegessen.

This entry was posted in Episodes of Life, Factual, Feelings, German. Bookmark the permalink.

One Response to Warum manchmal ein kleiner Tweet einen großen Unterschied macht

  1. Pingback: Lieblingstweets Januar 2013 | Lady Himmelblau

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s