Mathe = Angstfach?

Wer mich auch nur ein bisschen kennt weiß, dass ich einen ausgesprochen ausgeprägten Faible für Zahlen und Zahlenspielereien habe. Zu Schulzeiten war das nicht immer so. Mathe bereitete mir zwar keine Sorgen, interessierte mich aber auch nicht sonderlich, es lief halt so irgendwie. Irgendwo im faulen Niemandsland beständig zwischen einer Zwei und Drei pendelnd.

Dann trat ich ein Auslandsjahr an und traf auf den wohl großartigsten Mathelehrer überhaupt, Mr J.. Er erweckte Mathe zum Leben, spielte mit den Zahlen, jonglierte mit Formeln, war sich nicht zu schade, sich zum Affen zu machen und motivierte uns zur Neugier. Er zerrte uns nicht erst durch stundenlang andauernde, staubtrockene Theorie, sondern ließ uns gleich in die Praxis springen, uns darin suhlen, mit Fehlern und Umwegen, Neugier, Spielereien und Albernheiten. Und später, viel später, nachdem die Praxis in unseren Hirnen verankert war, erst dann kam die Theorie und plötzlich war sie einleuchtend und gar nicht mehr so schwer. Schneller war es dann auch noch.

Als ich zurück kehrte, begann ich Nachhilfe in Mathe zu geben. Mr J. saß mir dabei gedanklich immer auf der Schulter. Das schönste Geschenk, was ich für mich hierbei herauszog, war nicht das Geld, welches ich mit der Nachhilfe verdiente, auch wenn das natürlich eine der ersten Motivationen war. Auch war es nicht die Verbesserung der Noten meiner Nachhilfeschüler, das erfreute mehr die Eltern. Nein, das wirklich großartigste Geschenk war zu beobachten, wie meine Nachhilfeschüler Schritt für Schritt ihre Angst vor Mathe verloren.

Viele meiner Schützlinge waren schon über längere Zeit mit den ach so häufig mit Mathe assoziierten Bauchschmerzen in den Unterricht gegangen, es war für sie das klassische Angstfach; bereits in der Unterstufe. Mich stimmte das traurig, tut es heute noch. Was mir damals vermehrt auffiel, war die Haltung einiger Erwachsener um diese Kinder herum. Auf der einen Seite wurden schlechte Noten missbilligend zur Kenntnis genommen oder sogar bestraft, gleichzeitig jedoch wurde geradezu damit kokettiert, selber auch nie gut in Mathe gewesen zu sein.

Wie sollen Kinder offen an dieses Fach herangehen können, wenn um sie herum immer wieder erwähnt wird, dass Mathe ja so schwer sei, dass man später eh nie bräuchte, was in der Schule durchgenommen wird und ab und an, viel zu häufig nicht ohne einen gewissen Stolz, eingeworfen wird, man habe Mathe selber ja nie gekonnt und es sei ja trotzdem etwas aus einem geworden. Der Gipfel meines Frustes wird endgültig erreicht, wenn dann noch jemand ankommt und anmerkt, Mathe sei ja auch ein typisches Jungenfach, Mädchen müssten doch nun wirklich nicht gut in Mathe sein, das sei doch nicht nötig. Herrje! Wie soll man da kein Unbehagen entwickeln? Was sind das bitte für Vorbilder? (Ich lasse hier bewusst und aus purem Selbstschutz einen Exkurs über dieses unsägliche T-Shirt von Otto, welches kürzlich durch die Medien geisterte, aus. Mein Blutdruck wäre nicht mehr messbar und das will ja nun wirklich niemand. Schon gar nicht mein innerer Zahlen-Monk.)

Ich behaupte ja nicht, dass jedem Mathe leicht fallen sollte, jeder hat andere Vorlieben und Talente. Ich habe es ja auch nicht so mit der Kommasetzung. (Verzeihung!) Aber diese künstlich aufgebaute Barriere, hoch errichtet schon weit bevor es wirklich zur Sache geht, die hilft keinem. Ein bisschen mehr Offenheit gegenüber der Mathematik, eine Entdämonisierung des vermeintlich klassischen Angstfaches, vielleicht als ersten Schritt zumindest eine neutrale anstelle einer negativen Darstellung, ich denke, dass könnte auch Mathelehrern die Arbeit erleichtern. Die meisten von denen sind nämlich gar keine weltfremden, in Theoriekonstrukten lebende Monster, die kleine Kinder quälen wollen. Ehrlich nicht. Die freuen sich auch, wenn da ein Kind sitzt und nicht eine “Kann ich eh nicht, ist viel zu schwer, muss ich ja auch gar nicht können”-Haltung hat. Ich bezweifle stark, dass Kinder mit “Das kann ich einfach nicht”-Einstellung geboren werden und doch scheint mir Mathe das Fach zu sein, welches am häufigsten mit dieser Aussage in Verbindung gebracht wird. Völlig bauchgefühlt und natürlich somit statistisch gänzlich unaussagekräftig. Egal, irgendjemand sagte mir letztens, mein Bauchgefühl sei gar nicht so schlecht.

Ich würde mir wirklich wünschen, dass es nicht mehr uncool ist und ich nicht verschreckt und etwas mitleidig angeschaut werde, wenn ich sage, dass ich Zahlen und Mathe mag. Ich möchte, dass es nicht mehr cool ist, Mathe per se doof zu finden. Man muss sie nicht lieben, aber Angst vor Mathematik zu haben, ist auch nicht notwendig.

Zwei kleine Spielereien aus der Zeit mit Mr J., die mir auch heute noch sehr präsent sind, habe ich verbloggt. Es sind sehr simple Ansätze zu Multiplikationen, die mich aber begeistern, weil sie sich von der Abstraktheit, die bei Mathe häufig mitschwingt, ein wenig weg bewegen hin zum pragmatischen Ansatz und meinem Laieneindruck nach auch unterschiedliche Lerntypen besser ansprechen. Einfach mal eine andere Herangehensweise, ein anderer Blickwinkel. Ich bin gespannt, vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen auch.

Japanische Multiplikation

Kann Micky Maus das auch?

P.S. Ich wünsche mir zum Geburtstag ein neues mathematisches Zeichen, zumindest für meine Überschrift, dafür hätte ich nämlich gerne dieses benutzt:

20130326-190035.jpg

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4 Responses to Mathe = Angstfach?

  1. Rebekka. says:

    Das ist ein schöner Artikel mit [für mich] gutem Kern [ich bin Mathematikerin, und benutze übrigens auch ständig die eckigen Klammern ;)].

    Dieses Zeichen gibt es in der Mathematik – das Ausrufezeichen über z.B. oder eben ‘ungleich’ bedeutet, dass das eine Behauptung ist, die es zu beweisen gilt. Geburtstagswunsch erfüllt!😉

    • kleinereimer says:

      Jaha, aber ich konnte es nicht in der Überschrift nutzen, da es sich dort so nicht tippen lässt.
      Der Wunsch ist also leider noch nicht erfüllt. Aber ich habe auch erst wieder nächstes Frühjahr Geburtstag.😉

  2. Steffi says:

    Es gäbe doch aber “≠” (U+2260) [src: http://en.wikipedia.org/wiki/Mathematical_operators_and_symbols_in_Unicode%5D
    Da ein Ausrufezeichen davor – passt.🙂
    Guter Post!

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