Ich schenke Dir ein Wort

Ich habe ihn ein paar Tage nicht gesehen. Viel zu lange schon, es kann sich alles so schnell ändern. Die Verlegung und damit einhergehende Aufregung geht an die Substanz. Nur wenige Besucher erstmal, seine Kinder, um diverse organisatorische Dinge zu regeln. Kräftezehrender Trubel.

Ich bin wütend und verstehe nicht, wie die Ärzte im Krankenhaus, ihn einfach haben rausschmeißen wollen. Erst lassen sie ihn tagelang im Zug liegen, nur einem Azubi fiel das irgendwann auf und er hängte die Klimaanlage ab, um ihn etwas zu schützen. Aber es war schon zu spät, die Erkältung war bereits da, mit Risiko auf Lungenentzündung. Könnte man ja mal überprüfen, ist ja durchaus eine bekannte Problematik, vor allem bei älteren Patienten. Taten sie aber nicht. Ist ja nicht Bereich der Fachabteilung gewesen, auf der er lag. Pfft! Nein, stattdessen sollte er nach Hause gehen. Geschwächt nach tagelangem Liegen, ohne Mobilisierung und mit einem unterirdischen Kreislauf.

Unverantwortlich.

Meine Löwenmami ist seine Löwentochter, er durfte noch eine Nacht bleiben. Aber dann wirklich raus, nein, da ist auch nichts auf den Röntgenbildern zu sehen. Und tschüss.

Er klappte fast zusammen während er sich ankleidete, hustete und röchelte. So konnte es nicht gehen. Ein Hoch auf meinen Onkel und den Hausarzt, mit deren Hilfe auch am Wochenende sofort hilfsbereit und tatkräftig kurzfristig eine erneute Einweisung organisiert werden konnte. Woanders. Zum Glück.


Ich betrete das neue Krankenhaus und werde an der Information freundlich begrüßt und gefragt, wohin ich denn möchte. Sie kontrolliert meine Angaben über Namen und Zimmernummer und beschreibt mir den Weg zur Station.

Schon die Flure sehen freundlicher, heller aus und sauberer. Ich klopfe und betrete sein Zimmer. Er sitzt halb aufrecht, mit Schal um den Hals und den Sauerstoffschlauchnupsies in der Nase. Im Laufe des Besuchs verschieben diese sich immer wieder und jedes Mal wenn ich sie im richte, erlaubt es mir eine Nähe, die er sonst nicht immer zulässt. Er fühlt sich klapprig, schämt sich nur im Nachthemd, wenn auch unter der Bettdecke, vor mir zu sitzen und versucht dennoch, es sich nicht anmerken zu lassen.

Er ist ein stolzer Mensch, sehr Mann seiner Generation, immer um Contenance, gutes Benehmen und Anständigkeit bemüht. Auch gegenüber der Familie, mir, seiner Enkelin, keine Schwäche zeigen. Das obligatorische Klemmbrett mit den von meinem Bruder regelmässig für ihn ausgedruckten Sudokus von der Zeit Website liegt auf seinen Knien, die Brille rutscht fast von der Nasenspitze. Er strahlt als er mich sieht. Ich setze mich an seine Seite und nehme seine Hand in meine, halte sie fest, ich brauche diese Nähe, und er gewöhnt sich auch langsam daran, entspannt, fängt sogar unbedacht an mit seinem Daumen über meinen Handrücken zu streicheln.

Seine krächzende Stimme macht mir etwas Sorgen, er erzählt detailliert von den letzten Tagen, von der Anamnese, der Bestürzung der hiesigen Ärztin über den ‘Rauswurf’ aus dem anderen Krankenhaus, trotz extrem schlechter Werte und dem dann doch festgestellten Schatten auf der Lunge. Aber jetzt fühle er sich gut aufgehoben, sagt er lächelnd und wird zwischendurch dann doch von heftigen Hustenanfällen geschüttelt.

Ich versuche ihn durch eigene Erzählungen etwas vom vielen Reden abzuhalten, aber er hat einen Lauf.

Soll ich Dir ein Wort schenken? Ach, ja, ich schenke Dir ein Wort!

Oh, cool! Welches denn?

Kennst Du ‘oberschlächtig’ und ‘unterschlächtig’? Ich mal Dir das mal auf.

Das sind ja sogar zwei Wörter. Dann mal mal auf.

Er nimmt mit seinen dünnen, vom Alter und Arthrose verkrümmten Fingern den Stift in die Hand und opfert einen seiner Sodukozettel für seine Zeichnung. Etwas zittrig malt er Wasserräder mit unterschiedlichen Wasserzu- und abflüssen. Ich verstehe sofort, was er meint und erfreue mich an seiner Freude, mir etwas beizubringen.

Es gibt noch so viel, was ich von ihm lernen möchte, so viel Wissen und Erinnerungen in seinem Kopf, von denen ich noch erfahren will. Meine Gedanken schweifen in eine Richtung ab, die mir Bauchgrummeln bereitet, aber zum Glück bringt er mich sofort zurück ins Jetzt.

Du kannst Dir das auch gut an Klopapierrollen merken.

Ich schmunzle und wir denken offenbar identisch.

Klopapierrollen müssen unbedingt oberschlächtig hängen.

Wir sagen es wirklich gleichzeitig und grinsen einander an. Ein Moment zum einfangen, einrahmen und auf den Schreibtisch stellen. Ein Bruchteil einer Sekunde nur, den man festhalten will, um später immer wieder darauf blicken zu können. Ich mache ein Photo in meinem Herzen.

Als ich gehen muss, blickt er mich an und ich weiß nicht, wie ich seinen Blick deuten soll, ist darin ein Funken Angst?

Das nächste Mal will ich Dich wieder zu Hause sehen.

Ich denke eine Sekunde darüber nach, ob die Bedeutung anders wäre, hätte er ‘…will ich Dich zu Hause wieder sehen’ gesagt. Ich schüttele den Kopf, mehr innerlich, zu mir selbst, für ihn unmerklich. Nicht interpretieren, nicht anfangen daran zu denken.

Morgen kommt Mami, übermorgen besuch ich Dich wieder, egal ob hier oder zu Hause.

Ich beuge mich zu ihm herunter und gebe ihm einen Kuss auf die Wange, länger als sonst, drücke seine Hand, sanft aber bestimmt.

Ich hab Dich lieb!

Er lächelt und winkt mir zu.

Nun geh schon, Kindchen, hast’s ja noch weit nach Haus.

Wie egal mir die Weite des Weges ist. Ich gehe sehr langsam zurück zum Auto, hole das Photo von vorhin aus meinem Herzen, betrachte es innerlich und nehme einen tiefen Atemzug voll Frühlingsluft, bevor ich nach Hause fahre.

Übermorgen möchte ich gerne ihm ein Wort schenken, oder zwei. Ob ich wohl welche finde, die er mit seinen 91 Jahren noch nicht kennt?

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7 Responses to Ich schenke Dir ein Wort

  1. Patrick says:

    Sehr bewegend geschrieben. Da kommen einem ja die Tränen.
    Sehr schöner Text!
    Weiter so.

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  6. Trippmadam says:

    Wörter verschenken, das ist toll! Ich wünschte, ich wäre darauf gekommen, mir Wörter schenken zu lassen, als meine Großonkel noch lebten…jetzt habe ich nur noch ihren rauhen, irgendwie knatternden Dialekt aus dem Fritzlarer Umland im Ohr, ohne dass ich auch nur einen ganzen Satz in diesem Dialekt sagen könnte.

  7. Pingback: Irgendwie muss man ja anfangen… | Webfraeulein

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