Ente statt Ende

Gestern wärest Du 93 geworden. Übermorgen bist Du seit drei Monaten nicht mehr physisch bei uns.

Es war ein Abschied, wie man ihn sich wünschen würde. Du schliefst zu Hause ein, wie Du es gewollt hattest, in Deinem eigenen Bett. Wir hatten genug Zeit, um uns zu verabschieden, aber es ging schnell genug, so dass Du nicht lange leiden musstest. Ich durfte letzte Worte voller Liebe mit Dir wechseln, Deine Hand halten, viel bei Dir sein.

Ich hatte Angst, dass Dein Ende auch sein Ende sein würde. Zum ersten Mal allein, nach 42 Jahren an Deiner Seite. Seinen Schmerz zu erleben, tat mir fast mehr weh, als meine eigene Trauer. Ich habe ihn noch nie so gesehen. Klein, kläglich, sogar weinend.

Wir verbrachten seitdem sehr viel Zeit mit ihm, es gab viel zu organisieren, das hielt ihn beschäftigt. Und wir haben angefangen, Dinge anders zu machen. Du weißt, er liebt es sehr den Kamin anzumachen. In den letzten drei Jahren tat er es nicht mehr, Dein Asthma erlaubte es nicht. Wir haben uns an den Kamin gesetzt und Skat gespielt. Du hättest Dich gelangweilt. Ihm hat es Spaß gemacht, und obwohl er in den letzten 30 Jahren nur Bridge gespielt hat, hat er gleich beim ersten Mal haushoch gewonnen.

Er hat so viel Spaß beim Spielen. Kichert, lacht, giggelt, verliert sich im Hier und Jetzt und scheint zumindest für ein paar Stunden seinen Schmerz zu vergessen. Mit jeder Woche spielt er risikofreudiger, auch mal leichtsinnig, verliert dann und setzt den herzerweichendsten Hundeblick auf, den man sich vorstellen kann. Nur um dann im nächsten Augenblick sein verschmitzes Grinsen hervorzuholen und souverän das nächstes Spiel zu gewinnen.

Immer wieder fragt er, ob wir was von Deinen Sachen haben wollen, als Erinnerung. Es gibt nichts, was ich zur Erinnerung an Dich brauche, ich habe sie im Herzen. Lauter kleine Gesten, Erzählungen aus Deiner Kindheit und Jugend, Dein Geruch, lustige Unterhaltungen, die wir führten, in denen sich unser Generationenunterschied bemerkbar machte, aber nie störte.

Dein Lebensweg war für mich immer ein Faszinosum, so konservativ, gesprägt von einer sehr traditionellen Frauenrolle, mit der Du aufgezogen und sehr früh verheiratet wurdest. Aus der Du dann nach dem Krieg ausbrachst, nachdem Du für mich Unvorstellbares überlebt hattest. So selbständig und modern, wie Du danach Deinen Weg gingst, alleine für Deine Kinder sorgtest, als es notwendig war und Dich dann doch wieder in die alten Versorgungsmuster begabst, bis Du Witwe wurdest.

Und dann kam er an Deine Seite, weit bevor es mich gab, während der Anfänge der Beziehung, die meine Existenz erst ermöglichte. Vielleicht hätte es mich ohne Dich sogar nie gegeben, Du vermitteltest, glättetest Wogen, brachtest Liebe, Herzlichkeit und Offenheit.

Du warst immer meine Oma, ich wusste als Kind zwar schon sehr früh, dass keine Blutsverwandschaft besteht, aber das war mir mehr als egal. Ich wurde von Dir geliebt und ich liebte Dich, alles andere war nicht wichtig. Wenn wir zu Besuch waren, durften wir, kurz bevor wir wieder gingen, hoch gehen, in Dein Schlafzimmer. Dort stand auf dem Regal eine Porzellanente, deren Kopf man als Deckel abnehmen konnte. Darin lagen kleine, einzeln verpackte Traubenzuckerbonbons, in ganz vielen verschiedenen Geschmacksrichtungen. Wir durften uns eins nehmen und dann, kurz bevor wir schon wieder auf dem Weg nach unten waren, sagtest Du immer: “Liebchen, nimm doch auch noch eins fürs andere Händchen.” Es war unausgesprochene Regel, kleines vertrautes Ritual, wir nahmen immer nur eins, fragten nie nach mehr und bekamen immer noch ein zweites.

Ich habe die Ente schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen, das Regal stand in den letzten Jahren mit Büchern voll. Neulich fragte ich ihn nach der Ente, ob er wisse, wo sie sei. Diese ist dann doch etwas von Dir, was ich gerne haben möchte. Er suchte und suchte, aber es dauerte einige Wochen bis er sie mir strahlend übergab, endlich hatte sie sich  wieder angefunden.

Ich bin so froh darüber, nun doch etwas von Dir zu haben. Nicht weil ich die Ente brauche, um mich an Dich zu erinnern, sondern weil ich dieses kleine Ritual fortsetzen und meine damit verbundenen Erinnerungen an Dich an andere weitergeben will. Ich muss nur noch diese ganz bestimmten Traubenzuckerbonbons finden.

Eine Ente ist nämlich so viel schöner als ein Ende.

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2 Responses to Ente statt Ende

  1. Das ist eine sehr sehr schöne und berührende Geschichte. Vielen Dank für’s Aufschreiben und Teilen.

  2. @dorftrulla says:

    Jetzt hab ich Pippi in den Augen. Wunderschön❤

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