Adrenalinschub am Abend

Sonntagabend. Ich begann gerade mich bettfertig zu machen, als ich den Hund der Nachbarin über mir wahr nahm. Es war ca. 23 Uhr und er bellte relativ regelmäßig, das macht er sonst nicht und schon gar nicht um diese Uhrzeit. Mir fiel auf, dass er eigentlich schon eine ganze Weile gebellt hatte, ich hatte nur so konzentriert am Schreibtisch gesessen, vertieft in meine Arbeit, dass er nicht wirklich in mein Bewusstsein gerückt war.

Mich beschlich ein ungutes Gefühl und ich ging aus meiner Kellerwohnung über den Flur zum Hinterhofausgang. Die Treppe dort liegt direkt unter ihrem Balkon, wo der Hund unbeirrt bellte. Es goss in Ströhmen, war stockdunkel und auf einmal fühlte sich die Situation für mich irgendwie bedrohlich an. Ich konnte durch die Fenster das typische Lichtflackern des laufenden Fernsehers sehen, aber da die Wohnung im Hochparterre liegt, war ein Einblick in die Fenster nicht möglich.

Aus dem unguten Gefühl wurde eine unbestimmte Angst und ich ging wieder ins Haus, innen die Treppe hoch und klingelte bei ihr an der Tür. Einmal, zweimal, klopfen, noch mal klingeln. Nichts regte sich, obwohl die Klingel wirklich laut war. Mein Herz schlug mir mittlerweile bis zum Hals. Ich ging wieder zur Hinterhoftür, dachte, wenn der Hund auf dem Balkon steht, ist dort ein Fenster offen, vielleicht kommt man so rein.

Zurück im Hof traf ich auf mehrere Nachbarn, die sich nun auch sorgenvoll genähert hatten. Und plötzlich ging alles ganz schnell, wir waren uns einig, dass etwas nicht stimmte, handelten alle gemeinsam, abgestimmt, ohne einander bis dahin zu kennen.

Ich rief den Notruf, eine Nachbarin reichte eine Leiter über ihren Balkon und ein anderer Nachbar versuchte so auf den Balkon zu klettern. Ich musste zum telephonieren wieder reingehen, der Hund bellte mittlerweile so laut und ausdauernd, dass ich sonst kein Wort verstehen würde.

Ich meldete mich mit Namen, Adresse, schilderte die Situation, auch was die anderen versuchten, und wurde informiert, dass entsprechende Hilfe unterwegs sei. Ich kann mich jetzt kaum noch an das Gespräch erinnern, ich glaube, ich wiederholte mehrfach, dass wir nicht wüssten, was tatsächlich los sei, aber der Hund eben noch nie so angeschlagen und sie auf mehrfaches klingeln nicht reagiert habe. Meine Stimme war sehr zittrig dabei.

Nach dem Auflegen ging ich wieder raus, um zu sehen, wie die anderen voran kamen und beobachtete, wie der kletternde Nachbar es schaffte zumindest von der Leiter aus ans Fenster zu klopfen. Durch die Treppe, diverse am Geländer hängende Blumen und den starken Regen war es wohl nicht so einfach möglich gewesen, auf den Balkon zu klettern.

Mir kam das alles wie eine Ewigkeit vor, aber es waren eigentlich nur wenige Minuten insgesamt vergangen. Da sagte der kletternde Nachbar plötzlich, die Nachbarin sei aufgestanden. Einen Moment lang wusste ich nicht, wie am besten weiter vorzugehen sei. Ruft man den Notruf noch mal an? Kann man die einfach wieder “abbestellen”? Oh Gott, was ist, wenn die nun zu einem anderen Einsatz verzögert kommen, weil wir sie vergeblich gerufen haben?

Ich wählte wieder, schilderte die neue Situation und ging gleichzeitig noch mal zur Wohnungstür meiner Nachbarin, um sicher zu stellen, dass es ihr auch wirklich gut ginge. Der freundliche Mann am anderen Ende der Leitung blieb so lange bei mir, bis sie mir öffnete und ich mit eigenen Augen sehen und ihm bestätigen konnte, dass sie putzmunter war und informierte dann die Einsatzkräfte über den Abbruch. Ich zitterte noch mehr als beim ersten Anruf, hatte tausend Gedanken im Kopf und einen Adrenalinspiegel, der wohl das letzte Mal so hoch war, als mir damals in meiner Fahrprüfung ein Kind vors Auto lief. (Zum unfassbar großen Glück ohne Folgen.) Als alles geklärt war, legten wir auf.

Ich sprach dann noch einige Minuten mit meiner Nachbarin, die tatsächlich nur extrem fest geschlafen hatte und peinlichst berührt über die ganze Aufregung war. Ich versicherte ihr, dass wir alle nur extrem erleichtert seien, dass es ihr gut ginge, alles andere sei nicht so wichtig. Dann ging ich wieder in meine Wohnung und hatte, trotz des guten Ausgangs der ganzen Situation, immer noch Herzrasen und zitterte am ganzen Körper.

An Schlaf war noch nicht zu denken, ich musste erst mal wieder runter kommen. Mir fiel das bei all den Gedanken, die mir auch dann noch durch den Kopf schossen, sehr schwer. Ich weiß noch nicht genau warum eigentlich, aber am dominierendsten war der Gedanke, zu voreilig den Notruf gewählt zu haben. Da war das dumpfe Gefühl, etwas falsch gemacht und die Rettungskräfte zum Beispiel, wenn auch zum Glück nur recht kurz, von einem wichtigeren Einsatz abgehalten zu haben. Aber mein rationaler Teil hielt dagegen: wenn ihr doch was passiert gewesen wäre, dann wäre jede Minute immens wichtig gewesen. Wir wussten es ja nicht.

Ich frage mich, woher dieses schlechte Gewissen, ja fast Gefühl des Fehlverhaltens, kommen mag? Ein Eintrichtern aus Kinderzeiten, nur ja kein Schindluder mit ‘falschen’ Hilferufen jeglicher Art zu betreiben? Ich weiß es nicht, aber die Frage trieb mich noch eine Weile um. Ebenso wie die Überlegung, ob und in welcher Form ich als Anrufer eigentlich haftbar gemacht werden könnte, wenn die nun anrücken und es sich als unnötig herausstellt. Aber selbst wenn da Unannehmlichkeiten oder gar Kosten bei mir hängen blieben, ich würde trotzdem wieder so handeln. Nichts zu tun, wäre weitaus schlimmer gewesen, finde ich. Aber die Unsicherheit blieb dennoch.

Etwas Beruhigung fand ich dann durch einen Bekannten, der mir als Polizist zum einen versicherte, richtig gehandelt zu haben* und darüber hinaus sagte, in Hamburg gäbe es hinreichend Rettungskräfte, dass ein Notstand an anderer Stelle in so einer Situation ganz sicher nicht entstanden sei. Mit dieser Information und zwei Bechern heißer Milch mit Honig kam ich langsam zur Ruhe, Schlaf fand ich dann so gegen halb Drei und am Montagmorgen kam mir das ganze irgendwie schon sehr surreal vor.

Im Nachhinein betrachtet versteh ich gar nicht so recht, warum ich eigentlich so irre aufgeregt und zitterig war. Der ganze Spuk hatte von “etwas stimmt nicht” bis “alles ok” keine 20 Minuten gedauert. Ich war auch nicht allein, es waren mindestens vier weitere Nachbarn dabei. Rückblickend kommt mir meine Reaktion in der Heftigkeit recht albern vor und ist mir auch irgendwie peinlich. Und doch beschäftigt es mich noch sehr, es schwingt noch etwas nach und wird es wohl auch noch eine Weile. Hm.

Ich ziehe den Hut vor allen, die in entsprechenden Situationen die Ruhe bewahren, wissen, was zu tun ist und dieses auch tun. Und ich bin sehr froh, dass ich mich erst neulich aus ganz anderen Gründen entschlossen habe, demnächst erneut einen Erste-Hilfe-Kurs zu absolvieren. Das hat zwar keinen direkten Zusammenhang mit der geschilderten Situation, aber zum einen ist es ohnehin sinnvoll und vernünftig und zum anderen hoffe ich, dass es mir zumindest ein klein wenig Unsicherheit nimmt, sollte ich mal in die Lage geraten, Erste-Hilfe leisten zu müssen.

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*In diesem Kontext bekam ich ein neues Wortgeschenk: Anscheinsgefahr. Wenn auch der Anlass nicht schön war und das Wort doch sehr bürokratisch klingt, so freu ich mich drüber und bin vor allem dem “Schenker” sehr dankbar für seine beruhigenden und informativen Worte an dem Abend.

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2 Responses to Adrenalinschub am Abend

  1. Auch nach meiner Meinung hast du 100%ig richtig gehandelt. Wieso du so zittrig/aufgeregt warst lässt sich nur vermuten, ich hatte solche Situationen auch schon und konnte nachher nie genau sagen, wieso das so war. Vielleicht irgendwelche Urinstinkte die uns fast vollständig unter ihre Kontrolle bringen, wer weiß.
    Ich selbst war leider schon dreimal der “Erste” an einem Unfallort, habe jedes Mal richtig funktioniert und gehandelt, kann mich aber an absolut nichts davon erinnern.

    So habe ich an einem Ostermontag morgens um 3 Uhr mal einen Menschen aus einem brennenden Fahrzeug gezogen, versorgt (stabile Seitenlage usw.), die Unfallstelle abgesperrt, die Polizei benachrichtigt (es gab da noch keine Handys..) und gleichzeitig meine mit mir im Auto befindliche Freundin beruhigt UND es sogar noch geschafft, ein paar Schaulustige (Gaffer) zur Sau zu machen. Nur errinnen kann ich mich erst an den Moment in dem wir gemeinsam in unserer Küche standen und total zittrig eine geraucht haben.

  2. Gabriela says:

    Meine Güte, muss die Nachbarin einen guten Schlaf haben!
    Ich werde bereits bei leisem Wuffen meines Hundes wach und hätte von daher sicher auch unter Strom gestanden. Immerhin zeigte sich bei der Gelegenheit die *Kümmerbereitschaft* der Nachbarn, war also eine insgesamt positive Übung.

    Geruhsame Grüße🙂

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