Hitze

Es ist warm heute, äußerst warm sogar. Besonders für Hamburger Verhältnisse. Ich mag das sehr. Lieber schleppe ich drei Wechselshirts, einen Waschlappen und Deo mit mir rum, als zu frieren. Ich friere nämlich schnell. Deswegen gehe ich eigentlich, auch in Furcht vor brutalen Klimaanlagen, nie ohne einen Pulli, eine Strickjacke oder Ähnliches aus dem Haus. Auch bei solchen Temperaturen. Immer. Bis auf dieses eine Mal.

Es war Sommer 2008 und ich wohnte in Süd-Ost London. Der Süden von London hat, besonders im östlichen Teil, einen ganz eigenwilligen Ruf. Das mag unter anderem daran liegen, dass der gemeine Tourist denkt, man komme da überhaupt erst gar nicht hin. Das ist da wo bis vor kurzem nämlich noch ein extrem weißer Fleck auf der Tube-Landkarte weilte. Hinkommen kann man natürlich trotzdem ganz einfach, mit der normalen Bahn zum Beispiel oder dem Bus. Und seit dem Sommer, in dem ich dort wegzog, gibt es sogar eine offizielle Tube-Linie. In Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2012 gebaut

Aber egal, der Ruf der Gegend war nicht der Beste, was dort Wohnende aber nie wirklich bestätigten. Auch ich fühlte mich dort genau so wohl und sicher, wie in (fast) jedem anderen Teil Londons auch. Klar, sonst wäre ich ja dort auch nicht hingezogen. Meine Nachbarschaft war bunt gemischt, von allem etwas, wie man es in fast ganz London ohnehin gewohnt ist. Als “White-Caucasian” war ich zwar in der Minderheit, aber auch das hab ich nie wirklich bewusst wahrgenommen. Tendenziell herrschte eher eine Orientierung zur Arbeiterklasse hin vor, auch wenn das vielleicht nicht ganz politically correct ist, es so zu bezeichnen, aber in England besteht in der Realität nun mal noch ein Klassensystem. Wertfrei festgestellt. Die Häuser in meiner und den umliegenden Straßen waren pragmatische Bauten aus den 1970ern, sozialer Wohnungsbau, aber nicht potthässlich.

Ich mochte meine Straße, eine Sackgasse an dessen Wendehammer ich in der hintersten Ecke wohnte. Und ich mochte meine Nachbarn. Zur einen Seite Dave, ein waschechter Londoner, der traurigerweise, aber ohne Klagen, trotz seiner 70 Lebensjahre noch sechs Mal die Woche morgens um Fünf auf den Bau fuhr. Wann immer mir in meiner durchaus umfangreichen Werkzeugsammlung etwas fehlte, war Dave zur Stelle. Und auch sonst hatten wir immer einen guten Schnack, passten auf einander auf und gelegentlich versuchte er mir Cockney beizubringen. Neben ihm eine Singlemutter mit Tochter, die gelegentlich für Dave kochte.

Auf der anderen Seite eine polnische Familie mit drei hinreißenden Kindern, die bei jeder Gelegenheit fröhlich auf mir herumkletterten, auf mich einredeten und dabei ab und an vergaßen, dass sie zu hundert Prozent im Englischen bleiben müssten, wenn ich sie verstehen sollte. Und daneben eine Großfamilien mit jamaikanischen Wurzeln, die regelmäßig lustig-laute BBQs veranstaltete, von denen wir alle häufig etwas abbekamen. Da nimmt man dann auch mal den Lärm in Kauf.

Etwas weiter die Straße runter gab es noch eine junge Mutter mit einer sehr aufmüpfigen Teenagertochter und einem kleinen Sohn mit geistiger und körperlicher Behinderung. Die Mutter war mir äußerst sympatisch, eine immer gut gelaunte und freundliche Person, die es alleinerziehend, mit zwei nichts sonderlich gut bezahlten Jobs und den Kindern wahrlich nicht leicht hatte. Die Tochter hingegen habe ich einmal derartig zusammengefaltet, wie ich es noch nie bei irgendjemandem getan habe und auch seit dem nie wieder tat. Aber zu der Begebenheit vielleicht ein anderes Mal. Die anderen in der Straße kannte ich nicht, aber Dave kannte sie alle. Und alle respektierten Dave, der wohl auch schon am längsten dort wohnte.

Sommer 2008 also, ein Tag an dem es bereits morgens um 7 Uhr so warm war, dass ich obenrum nur in einem luftig-leichtem, weißen Shirt meinen Weg ins Büro antrat. Der Wetterbericht zeigte keinerlei Regen oder Temperaturänderung an. Der Bürotag war unspektakulär, nur die Tatsache, dass ich pünktlich raus kam, ist erwähnenswert.

Ich taperte also abends gegen 19 Uhr zurück nach Hause und wurde am Eingang zur Straße von drei Streifenwagen, neun Polizisten und einigen Nachbarn empfangen. Kein Durchlass. Die Polizisten hielten sich bedeckt, aber ein mir bis dahin unbekannter Nachbar klärte mich auf. Der Ex der Singlemutter neben Dave war mutmaßlich mit einer Pistole dort aufgeschlagen und habe sich im Haus verschanzt. Man wartete nun auf eine bewaffnete Polizeieinheit. Die anwesenden Bobbies waren wie üblich nicht mit Schusswaffen ausgerüstet.

Wir warteten und warteten, man unterhielt sich so über dies und das. Aus der Ecke des besagten Hauses war nichts zu hören, man hatte aber freie Sicht darauf. (Wie dumm eigentlich.) Nichts regte sich. Urplötzlich, als habe jemand einen Schalter umgelegt, ergoss sich ein so ungemein heftiger Regenschauer über uns, dass wir nicht nur in Sekundenschnelle vollkommen durchnässt waren, sondern auch nach wenigen Minuten bis zu den Knöcheln im Wasser standen. Die Wolke musste ausschließlich und direkt über uns gewesen sein, denn die Sonne schien nach wie vor strahlend hell. Es war nicht mal ein wenig dunkler geworden.

Ich war erst viel zu perplex über diesen heftigen Wetterumschwung, dass mir mein Dilemma erst bewusst wurde, als die ersten Teenagerjungsnachbarn anfingen, sich extrem vollpubertär zu verhalten. Tja, da stand ich nun in meinem, ausschließlich in trockenem Zustand blickdichtem, weißen Shirt, im strömenden Regen. Bei den Wassermengen half auch die beste Unterwäsche nichts. Auch die Aufmerksamkeit der Polizisten wandte sich von dem zu beobachtenden Haus ab und meinem tropfenden Selbst zu. Dass mir das doch außerordentlich unangenehm war, muss ich wohl kaum erwähnen.

Ich hatte keine Ahnung, was ich hätte tun können. Nichts in der Nähe zum Unterstellen, nichts dabei, um es sich überzuziehen oder sich damit zu bedecken. Ich verschränkte verunsichert meine Arme vor der Brust und guckte unzufrieden durch meine tropfnassen Brillengläser in die Runde.

Da kam plötzlich eine ältere Dame aus dem Haus an der Straßenecke heraus. In der einen Hand einen offenen Schirm, um sich selbst zu schützen. In der anderen Hand einen geschlossenen Schirm, mit dem sie über ihrer Schulter hin und her wedelte während sie auf den Polizisten zu ging, der am ranghöchsten erschien. Sie erinnerte mich ein wenig an meine verstorbene Großmutter, der ähnliche Auftritte nicht fremd waren. Ich hatte schon den Eindruck, dass sie anfangen würde, mit dem Schirm auf den verdutzt dreinblickenden Mann einzuschlagen, als sich ein Wortschwall über ihn ergoss. Ich konnte kein Wort von dem verstehen, was die recht kleine Dame auf den großen und stämmig gebauten Polizisten abfeuerte, auch sie schien mir, wie Dave, ein Londoner Urgestein mit ordentlichem Cockney-Einschlag zu sein.

Resultat aber war, dass er seine Uniformjacke auszog, zu mir rüberging und sie mir um die Schultern legte, während sie mir den zweiten Schirm in die Hand drückte. Ich versank in der riesigen Jacke, war peinlich berührt ob der noch mehr auf mich gerichteten Aufmerksamkeit und war doch dieser Oma-Dame sehr dankbar für ihre Rettung.

Kurz danach erschien die angeforderte Sondereinheit der Polizei, klärte die Lage und wir konnten endlich alle nach Hause. Der Kerl mit der Waffe hatte sich längst über den Garten und Nebenstraßen abgesetzt und wurde einige Tage später woanders verhaftet, wie mir Dave irgendwann erzählte.

An meinem Empfinden, mich in der Gegend dort wohl und zu Hause zu fühlen, hat diese Episode in meiner ganzen Zeit dort nichts geändert. Aber ich habe seit dem immer und auch heute, bei über 30 Grad, einen Pullover dabei.

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3 Responses to Hitze

  1. Günther says:

    Nette Geschichte über die unfreiwillige Teilnahme am “Wet-TShirt-Contest” auch wenn ich derzeit nirgendwo hier eine kleine Regenwolke entdecken kann. Ich würde mich sofort darunter stellen, egal ob die Wäsche durchsichtig wird oder nicht. Mir ist auch gerade nur warm und auch die eineinhalb Stunden Aquafitness und -jogging haben nur zu wenig Abkühlung geführt, dafür habe ich nun einen Sonnenbrand auf den Schultern.

    Aber wenn ich mal ganz ehrlich bin, auch ich habe mir im Angesicht einer hübschen Frau im dazu noch weißen TShirt schon so eine kleine Regenwolke herbei gewünscht. Hat nur noch nie geklappt. Aber einen Platz unter meinem Regenschirm würde ich Dir auch anbieten.🙂

  2. Pingback: Woanders – diesmal mit Maschinenbauern, Kunst, Brücken und anderem | Herzdamengeschichten

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