Damit beamst Du Dich direkt ins Wohnzimmer

Seit einiger Zeit spiele ich nicht nur regelmäßig mit meinem Großvater und wechselnden dritten Männern Skat, sondern ich bin auch sonst sehr viel bei ihm. Seit meine Oma gestorben ist widmet er sich wieder vielen Dingen, die in den letzten Jahren liegen geblieben sind.

Ich hatte vor einigen Jahren schon den ersten Schwung seiner Lebenserinnerungen lesen dürfen, jedoch brachen die Erzählungen bei 1943 ab und so fragte ich ihn neulich, ob er denn schon mehr als das geschrieben habe. Hatte er, sogar bis Anfang der 1950er und ich durfte es lesen. Es waren mehrere Ausdrucke von je 20-40 Seiten in unterschiedlichen Fonts, Größen und mit verwirrenden Seitenzahlen. Die Übergänge waren ziemlich durcheinander und das meiste war noch sehr im Zustand einer Rohfassung. Also beschlossen wir, da gemeinsam mal Ordnung reinzubringen.

Ich glaube, er nutzt seit ungefähr 1999 einen Computer. Ich habe keine Ahnung wer ihm den damals aufgesetzt hat und wer ihm erklärte, wie alles für ihn nötige zu benutzen sei. Was ich vorfand war dieses zunächst noch einleuchtende Bild:

Auf dem Desktop waren eine handvoll Verknüpfungen zu ein paar Ordnern und eine direkt zu Word angelegt, ebenso sah man das klassiche Arbeitsplatz-Icon. Ansonsten gähnende Leere auf Blau. Aber mehr braucht er ja auch nicht. Ich schaute mir die Ordner genauer an und es ergab sich folgendes.

Es gab ein Laufwerk D, welches jemand Daten genannt hatte. Darin befanden sich mehrere Ordner und wenige einzelne Worddokumente. Einer der Ordner war ganz klassisch Eigene Dateien. Darin wiederum befanden sich Ordner, die sinngemäß Briefe, Geschäft, Lebenserinnerungen und Oma hießen und eine Menge einzelner Worddokumente. Dann fand ich noch ein Laufwerk F, welches in Sicherheit umbenannt worden war. (Sagt jetzt nichts. Ich weiß. Ich war es nicht.) In diesem Laufwerk befanden sich wieder überall einzelne Worddokumente und innerhalb der Eigenen Dateien die Ordner Briefe, Geschäft, Lebenserinnerungen, Oma und auch eine zusätzlicher namens Opa.

Eine Überprüfung der Verknüpfungen auf dem Desktop ergab, dass alle bis auf die Opa-Verknüpfung auf die jeweiligen Ordner im Daten Laufwerk verwiesen. Des Weiteren war es ein buntes Durcheinander innerhalb aller Ordner und der einzelnen Dokumente bezüglich Aktualität und doppelter bis dreifacher Speicherorte. Manchmal war er in den Ordnern von Laufwerk F gelandet, manchmal in denen von Laufwerk D. Es verwundert mich nicht, dass er häufig Dokumente nicht mehr findet, denn beim speichern unter landete er mal dort und mal dort und suchen tut er dann eben immer nur an einer Stelle.

Also habe ich mit ihm gemeinsam aufgeräumt, komplett, Schritt für Schritt. Jedes einzelne Dokument, jeden einzelnen Ordner verglichen, sortiert, verschoben, gelöscht. Aber er wollte ganz genau wissen, was ich da mache und warum. Erst war es noch einfach, wir verglichen die Lebenserinnerungen miteinander und fanden diverse frei rumfliegende Dateien und Ordner, die dort hingehörten aber woanders gelandet waren.

Also sagte ich ihm, er solle sich die Lebenserinnerungen wie eine Kommode in seinem Schlafzimmer vorstellen. Die Socken, die noch auf dem Bett liegen, packen wir jetzt in die unterste Schublade, den einen Ordner, und die Unterhemden kommen eben in eine andere Schublade, bis nichts mehr lose im Zimmer rumfliegt, was eigentlich in die Kommode gehört. Auch Kleidungsstücke, die sich im Flur oder in anderen Zimmern fänden, könnten wir in diese Kommode packen, dort würde er ja suchen. Das leuchtete ihm ein.

So bauten wir uns Stück für Stück ein gedankliches Haus mit Schlafzimmer (Lebenserinnerungen), Büro (Geschäft), Esszimmer (Briefe), Omas Schlafzimmer (Oma) und Wohnzimmer (Opa). Dann fragte er mich, warum er denn ab und an seine in Opa abgespeicherten Dokumente nicht wieder gefunden habe, obwohl er doch brav den ihm beigebrachten Weg befolgt hatte. Ich ließ mir zeigen, wie er vorging, wenn er nicht ohnehin direkt per Verknüpfung zu Opa klickte. Über das Menu wählend gelangte er zwar immer zu den Eigenen Dateien, aber eben denen in Laufwerk D, ohne den Opa Ordner, das war die Erklärung. Die Diskrepanz war ihm jedoch nicht verständlich.

Also musste eine weitere Analogie herhalten: Großvater, stell Dir vor es gibt zwei von außen identisch aussehende Häuser, die heißen D und F, das steht aber nur ganz klein draußen dran, deswegen siehst Du es nicht. In einem Haus gibt es ein Wohnzimmer (Opa), in dem anderen nicht. Die fehlende Tür zum Wohnzimmer bemerkst Du aber nur, wenn Du durch die Haustür und durch den Flur (Eigene Dateien) hereinkommst. Du nimmst aber, wenn Du dorthin willst, zumeist die Verknüpfung auf dem Desktop, das ist als ob Du Dich direkt ins Wohnzimmer beamst. Und wenn Du dort erst einmal bist, dann ahnst Du nicht, dass Du gar nicht im Haus D sondern F gelandet bist, denn Du gehst nie über den Flur wieder raus.

Ich sah in seinem Gesicht, dass der Groschen pfennigweise purzelte. Das leuchtete ihm irgendwie alles ein, auch wenn er es nicht unbedingt würde selber anwenden können. Aber er war glücklich, dass er verstand, was ich da tat und er war mit meinen Vorschlägen zum Aufräumen der Häuser sehr einverstanden.

Nachdem alles aktuelle ins Laufwerk D sortiert war und ich ihm die Verknüpfungen entsprechend angepasst hatte, zog ich ihm erstmal ein Backup. Dann entdeckten wir zu meiner großen Überraschung auf gleicher Ebene wie die Laufwerke noch einen Ordner mit Photos. Ich setzte gerade an, ihm zu erklären, wo in unserer Hausanalogie dieser Ordner denn nun läge, als er grinsend meinte: Der liegt jetzt auf der Einfahrt rum, oder?

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7 Responses to Damit beamst Du Dich direkt ins Wohnzimmer

  1. Gesa says:

    Haha, das ist lustig, mit dem Haus habe ich meiner Mutter mal das Internet erklärt. Sind wir nicht alle ein Dorf?🙂

  2. stachelvieh says:

    Ich bin gerade erst auf Dein Blog gestoßen. Dieser Eintrag ist super. Ich selbst bin ein großer Freund bildhafter Erklärungen und habe sehr geschmunzelt. Und eine Großmutter, die nicht mehr mit allen Neuerungen der Zeit zurechtkommt, habe ich auch…

    Ich hab gleich mal ein wenig “rückwärts” in Deinen Einträgen gelesen…und beschlossen, dabei zu bleiben. Freue mich auf mehr!

  3. sushey says:

    Eine sehr schöne Erzählung. Leider bin ich nicht immer so geduldig, wenn ich bei meinen Eltern den Rechner wieder fit mache…

    • kleinereimer says:

      Ich weiß gar nicht, ob ich besonders geduldig war. Ich war einfach nur sehr dankbar, dass meine Analogie soweit Sinn ergab, dass er akzeptierte, was ich da tat. Er kann da durchaus sehr störrisch sein.

  4. Gabriela says:

    Ich kenn mich zwar in meinem PCHaus einigermaßen aus, hab aber leider einen sehr ungeduldigen klickmalalleswegSohn, werde wohl auf die Enkelsgeduld warten müssen….;-)
    Schön hast du´s erklärt !

    Unhandschriftliche Grüße :-))

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