Man sollte mal heimlich mitstenographieren…

Samstagmorgen. Ich habe wie üblich diverse Erledignung auf der Liste. Als letztes will ich zum Änderungsschneider, bei dem ich zwei Jackets habe anpassen lassen. Er hat seinen Laden in einer kleinen Einbahn-Einkaufsstraße im Hamburger Westen. Eine dieser Straßen, die einen dörflichen Charakter haben, in denen man eigentlich immer jemanden trifft, den man kennt und dann ein Schwätzchen hält. Eine dieser Straßen, in denen die Geschäfte Samstags um 13 oder 14 Uhr zu machen. Ich weiß nie, welche Geschäfte wann schließen, ich lasse es drauf ankommen. Ich bin eh entweder zu spät dran oder eben nicht.

Die Sonne scheint, es ist warm. Für Hamburger fast schon Hochsommer, quasi. Ich bummele entspannt die Straße hinunter, sehe einen Infostand der AfD, einen der FDP. Ein paar ältere Männer befestigen CDU-Plakate, eine andere Gruppe fuchtelt mit dem SPD-Pendant um einen Baum herum. Kabelbinder sind schon schwer zu bändigen. Allen kann ich entgehen, ich habe keine Lust auf Dikussionen. Welche Wahl steht jetzt schon wieder an? Egal, jetzt nicht. Sonne genießen. Vor dem Eisladen testen diverse Kinder die Nerven ihrer Eltern, der eine oder andere größere Eishaufen auf dem Boden weißt auf kürzlich geschehene Dramen hin. Vor einem Café sitzen Leute draußen und beobachten andere Leute. Da der Fußgängerweg schmal ist, sitzen sie in zwei Reihen eng hintereinander, Knie im Rücken des Vordermannes. Ein wenig erinnert mich das Arrangement an die Sitzreihen direkt neben einem Laufsteg. Und wie bei einer Modenschau flanieren einige Menschen am Café vorbei. Bei manchen von ihnen möchte ich Gedanken lesen können, Sitzenden wie Gehenden.

Ich erreiche den Änderungsschneider um 13:05 Uhr. Er hat bis 14:00 Uhr geöffnet. Manchmal passt es eben einfach. Das eine Jacket ist schon fertig, ich probiere es an, es passt perfekt. Das andere ist, obwohl sie eigentlich schon gestern fertig sein sollten, noch in Arbeit. Er bittet um Entschuldigung und fragt, ob ich in einer Stunde wiederkommen könne. Klar, kein Problem, ich nehme es als geschenkte Stunde, Zeit, die ich mir sonst vermutlich nicht genommen hätte, und beschließe im Restaurant nebenan, was auch mehr an ein Café erinnert, eine Kleinigkeit zu Mittag zu essen. Gefrühstückt habe ich noch nicht, der Appetit ist eh da. Warum sich nicht auch einmal etwas gönnen? Das Restaurant hat eine Terrasse, auf der man recht gemütlich sitzen kann. Und das obwohl immer wieder Autos recht nahe daran vorbei fahren. Wie gesagt, eine schmale Einkaufsstraße nur.

Ich bestelle etwas, setze meine Sonnenbrille auf und lehne mich, die Sonnenstrahlen genüßlich auf meiner Haut wahrnehmend, zurück. Es ist nicht leer, aber auch nicht wirklich voll. Ich komme gerade ein wenig zur Ruhe, als hinter mir ein Mann aufspringt, zum Ausgang geht und sich einem anderen Mann vor der Hecke, die die Terrasse zum Fußgängerweg hin abgrenzt, in den Weg stellt. Halt! sagt er, Verkehrskontrolle! Ist Ihr Fahrzeug denn sicher? Durch die Hecke, die den beiden bis zum Oberkörper geht, erkenne ich, dass der andere Mann einen dieser neueren Alu-Roller neben sich hat. Er stützt sich etwas darauf und entgegnet gelassen, dass der selbstverständlich sicher sei. Es wirkt auf mich so, als kennen sich die beiden, seien verabredet und erlaubten sich einen Spaß. Aber Sie haben kein Licht! bemerkt der erste nun. Oh doch! Schauen Sie, hier! erwidert der Neuankömmling, der deutlich älter als der andere ist. Und tatsächlich, er hat am Lenker eines dieser kleinen Lichter, die man sonst eher an Fahrrädern sieht. Jetzt bin ich baff, damit habe ich nicht gerechnet. Komm, trinken Sie ein Bier mit mir. Erst bei diesem Satz fällt mir auf, wie breit sein Hamburger Dialekt ist. Allerdings spricht er einen Tacken zu laut, was wiederum weniger hanseatisch wirkt.

Während die beiden sich in Richtung des Tisches hinter mit bewegen, wird deutlich, dass sie einander nicht kennen. Der ältere Mann, der mir irgenwie wie ein Jim erscheint, stützt sich auf den Roller, als ob es ein Rollator sei. In meinem Rücken nehmen sie Platz. Der Jüngere stellt sich vor: Horst-Dieter K., Diplomingenieur und Oberleutnant zur See. Er sagt das in einem Tonfall, der mich sekündlich einen zackigen Hackenschlag erwarten lässt. Der bleibt aber aus. Leider kann ich nicht verstehen, was Jim sagt. Er bleibt für mich also Jim. Er sitzt zwar direkt Rücken an Rücken zu mir, schlägt jedoch weitaus sanftere Töne an, als Horst-Dieter.

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Ich bekomme mein Essen serviert und bin für einen Moment abgelenkt. Auch vorbeifahrende Autos erschweren das nicht ganz freiwillige Belauschen der Unterhaltung. Wohlgleich es eher ein Monolog zu sein scheint, Horst-Dieter ist lautstark in Fahrt. Auf die Frage, ob er denn im Krieg gewesen sei, entgegnet er recht detailliert, er sei ja nur Nachkriegskind, Baujahr 52, aber das war ja auch schlimm mit dem Kohlen klauen und so. Ab und an lacht er mit kräftigen Grunzern untermalt. Ob Jim denn auch Plattdütsch könne, also er spräche ja auch Plattdütsch, weil er ja in Glücksstadt an der Elbe geboren sei. Dann habe er lange in dem einen und dann in dem anderen Stadtteil in Hamburg gewohnt, er kenne sich hier aus, er wisse Bescheid und früher kannte man ihn hier ja auch noch. Dies war mal seine Einkaufsstraße. Er betont das seine, als habe ihm mal jeder Laden gehört. Zwischendurch Lachgrunzer.

Ich muss mich gelegentlich sehr konzentrieren, mich nicht vor unterdrücktem Lachen an meiner Mahlzeit zu verschlucken. Die Monolog-Unterhaltung der beiden erscheint derart surreal, wie heißt es so schön: kannste Dir nicht ausdenken. Horst-Dieter ist sich wohl seiner momentanen Profession nicht so recht sicher. Er ist beratender Rentner. Fünf Minuten später ist er nicht nur Schiffsbauingenieur und Flugzeugbauingenieur, nein, er ist auch Fischer, er kennt sich aus. Also auch so mit Fischen und so, Hochsee, versteht sich.

Sein Hamburgisch wird immer breiter und er ist nahtlos dazu übergegangen, Jim zu duzen. Ich würde gerne Jims Gedanken lesen, oder zumindest sein Gesicht beobachten können. Er hat mittlerweile sein Essen erhalten, das Übliche, er scheint hier häufiger zu sein. Nach einem Vortrag seitens Horst-Dieter über Qualität von Wasser aus Flaschen verglichen mit Leitungswasser, einigen sie sich aber darauf, dass Jim sein Flaschenwasser haben darf, während Horst-Dieter beim Bier bleibt. Das Bier scheint ihn noch kontaktfreudiger werden zu lassen, er fragt das japanische Paar am Nachbartisch auf Englisch, ob er zu laut rede und sabbelt dann auf Deutsch auf sie ein. Er sei auch Hobbykoch, er kenne sich aus. Das mit dem Salat auf dem Teller, statt auf einem extra Beiteller, das sei ja ein Unding. Und überhaupt, Salat. Auch ein Unding sei ja Airbus, früher wurde da ja nur einer im Monat gebaut, heute ginge da jeden Tag ein hoch. Das nerve die Anwohner, er wisse das, er habe hier ja auch mal gewohnt.

Es fährt ein Sportwagen vorbei, mehrfach heuelt der Motor auf, für einen Moment versteht man seine eigenen Gedanken nicht. Solche seien ja noch schlimmer, meint Horst-Dieter, die die immer brrm brrm machen und keinen mehr hoch bekommen. Die rennen auch immer mit 30 Hemden aus der Reinigung und trügen Cordhosen. Das ginge ja gar nicht. Ich schiele auf die Uhr und ärgere mich ein wenig, dass ich gleich gehen muss und bezahle. Mir fällt Tucholsky ein: Man sollte mal heimlich mitstenographieren, was die Leute so reden.

Ein Mann mit Panama-Hut flaniert hinter der Hecke vorbei und Horst-Dieter kennt sich wieder aus: die tragen das ja heute alle als Mode, so ein Quatsch, die trägt man in den Tropen. Jim muss daraufhin irgendetwas über Tropen und Südamerika erwidert haben, denn nun geht’s in die Offensive. Also wenn Du da Millionen gemacht hast, dann kannste mich ja auch mal zum Essen einladen. Dann musste nicht alleine essen, das ist ja nicht schön. Also, ich könnte ja Geschichten erzählen, aber wenn Du mich mal zum Essen einlädst, dann nehm ich das an.

Es ist 13:57 Uhr.

Jim sagt der Bedienung, der Herr habe auch Hunger.

Und ich muss leider los.

 

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