London V – These boots are made for walking…

Samstagvormittag: Nachdem ich mein Frühstück am frühen Morgen auf dem Boot genossen habe, mache ich mich auf den Weg nach Holborn. Ich will noch kurz bevor ich verabredet bin in den Silver Vaults vorbeischauen, um abschätzen zu können, wie viel Zeit ich dort für Montag veranschlagen will.

Am Eingang der Vaults wird freundlich darum gebeten, in meinen Rucksack schauen zu dürfen. Selbstverständlich kein Problem. Mir wird mitgeteilt, dass ich keine Photos machen darf, auch kein Problem, wenn auch schade. Ich hüpfe flott die Treppenstufen hinab und finde mich, nach zwei Mal um die Ecke biegen, in einem langen Gang wieder, in dem rechts und links alle paar Meter schwere Tresortüren mit armdicken Riegeln zu den verschiedenen Shops führen.

Ich habe nur ungefähr eine halbe Stunde Zeit, einen ersten Eindruck zu gewinnen und nutze diese für zwei Gespräche, an deren Ende ich weiß, dass ich Montag definitiv mindestens zwei Stunden benötigen werde, mindestens. Außerdem habe ich eine wunderschöne alte Taschenuhr gefunden, die ich möglicherweise im Auftrag meines Großvaters für meinen Bruder besorgen werde. Ich muss aber noch mal drüber schlafen.

Ich flitze wieder hoch und zurück Richtung King’s Cross. Dort bin ich mit meiner ehemaligen Mitbewohnerin verabredet. Wir wohnten zwei Jahre zusammen und haben uns seit meiner Rückkehr nach Deutschland noch nicht wieder gesehen. Wir haben uns auf der Northbound Platform der Northern Line verabredet. Ich gehe einige Male auf und ab und bleibe dann strategisch zwischen zwei Eingängen stehen und sehe in den nächsten Minuten aus, wie ein Zuschauer bei Wimbledon.

Als V um die Ecke biegt und auf mich zukommt, überkommen mich diverse Gefühle, von denen ich keine Ahnung habe, wie sie in Worte zu fassen sind. Sie hat sich optisch sehr verändert, von ein paar Photos auf Facebook hatte ich schon einen Eindruck, aber sie sieht noch um Längen großartiger aus, als auf den Bildern. Wir fallen uns in die Arme und es ist wieder da, dieses vertraute Gefühl, diese Geborgenheit, die ich so sehr vermisst habe als ich zurück ging. Mir schießen Bilder von unzähligen gemeinsamen Momenten damals durch den Kopf, ich schlucke und drück ein Tränchen weg und schon sind wir mittendrin.

Gemeinsam mit ihrer Schwester fahren wir nach Camden, ein bisschen Cliché muss eben sein, und stromern durch Camden Market während wir uns den Mund fusselig sabbeln. Wir schlängeln uns quer durch alle Gänge, durch Menschenmassen, die im Laufe des Vormittags immer mehr werden, schauen hier und da etwas länger, sind aber die ganze Zeit auf den Beinen. Ich nehme den Trubel um mich herum ganz anders war, als bei den letzten Malen, die ich hier war. Irgendwann fällt es mir auf: ich bummele und lasse mich nicht von dem Gewusel nervös machen. Ich gucke genauer hin, mache viele mentale aber auch einige richtigen Photos.

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Camden Market.

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Alte Vespas als Sitzgelegenheit.

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Leben auf großem Fuße? Oder doch einfach nur Quadratlatschenzulieferer?

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Nähmaschine. Nähmaschine. Nähmaschine. Nähmaschine. Nähmaschine. Nähmaschine.

 

Nach etwa drei Stunden gönnen wir uns noch eine Mini-Massage beim Chinesen und machen uns dann langsam Richtung tube auf. Da es Samstag und voll ist, dauert es ein wenig, bis wir drin sind, aber wir haben immer noch so viel zu bequasseln, dass es uns nicht lang erscheint. Wir fahren mit der Northern Line nach Waterloo und wollen von dort aus an der Southbank entlang bis zur Tower Bridge entlang gehen.

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London Eye bei Waterloo.

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Blick die Thames entlang nach Osten.

 

 

 

Als wir aus dem Untergrund wieder auftauchen, schaue ich hoch und erblicke das London Eye, ein so ungemein vertrauter Anblick, dass mir das Herz warm wird. Wir gehen am Wasser entlang und ich muss alle paar Meter stehen bleiben, mich umsehen, den Moment aufsaugen, alles genau betrachten. Dies war meine Hood, hier habe ich so viel Zeit verbracht, viele schöne Momente verlebt. Ich beginne, mit meinen Emotionen zu kämpfen. Ich will genießen, aufnehmen, neue Bilder schaffen, und werde doch überwältigt von alten Bildern, alten Gefühlen und vielen Erinnerungen. Tief durchatmen.

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The Cheese Grater.

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The Walkie Talkie.

Ein Blick die Thames hinunter reißt mich aus den Gedanken. Deutlich sichtbar recken sich am Horizont die zwei einprägsamsten der diversen neuen Glasbau-Hochhäuser penetrant in die Skyline. Sie kommen mir wie Fremd-körper vor, sind mit ihrer deutlichen Form auch nicht zu übersehen. Noch kann ich mich nicht so recht mit dem Anblick anfreunden. Aber wenigstens geben sie mir gerade neue Impulse.

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Holzschnitzerei auf Gabriel’s Wharf. (An der Southbank, knapp westlich der Blackfriars Bridge)

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Emblem der London, Chatham and Dover Railway auf der Blackfriars Bridge

Ich gucke jetzt noch genauer hin und entdecke nach und nach mehr Dinge, die mir bislang nicht so deutlich aufgefallen waren. Wir gehen an einem Areal, umrahmt von kleinen Geschäften, vorbei, in dessen Mitte diverse Holzschnitzereien stehen. Ich erinnere mich daran, diese Ecke mal gesehen zu haben, sie war damals schon da, aber so richtig bewusst schaue ich mich jetzt erst um. Auch beim Unterqueren der Blackfriars Bridge schaue ich etwas genauer hin und entdecke das doch recht eindrucksvolle Emblem der London, Chatham and Dover Railway.

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Seifenblasen vor der Tate Modern.

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Unter der Southwark Bridge

Als wir an der Tate Modern vorbeigehen, begeistert gerade ein Straßenkünstler diverse Kinder mit riesigen Seifenblasen. Und nicht nur die Kinder sind fasziniert, ich beobachte genauso gebannt die großen Seifenblasen, wie sie sich vom Wind in alle Richtungen treiben lassen und kann von den schönsten Exemplaren nur mit den Augen Photos machen. Beinahe verliere ich den Anschluss an V und ihre Schwester, weil ich so verträumt durch die Gegend tapse. Unter der nächsten Brücke, der Southwark Bridge, freue ich mich, eine mobile Rampe zu entdecken. Sie kommt mit zwar recht steil vor, aber einfacher als die Stufen zu überwinden scheint es mir damit allemal zu sein.

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The Anchor. Dort fand damals mein Leaving Do statt. Und auch sonst viele lustige Abende.

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Zwischen The Old Thameside Inn und einer Replika der Golden Hinde II.

Vor dem Anchor machen wir ein wenig Pause und hören einem sehr talentierten Straßenmusiker zu. V sucht noch Live Musik für ihre Hochzeit und so lauschen wir ihm eine Weile und gönnen unseren Füßen etwas Erholung. Am Ende der Clink Street liegt die Golden Hinde II vor uns, seit neuestem mit Ausblick auf die Hochhäuser. Hinter dem Schiff befindet sich mein altes Büro. Bei dem Anblick schlucke ich erneut, Gefühle überrollen mich. Als wir um die Ecke biegen und ich die Southwark Cathedral erblicke, ist es um mich geschehen.

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Southwark Cathedral, im Hintergrund und für mich neu: The Shard.

Jetzt laufen die Tränen für einige Minuten hemmungslos. Direkt vor der Cathedral habe ich viele Mittagspausen verbracht, in der Cathedral selber an einigen Weihnachtsandachten teilgenommen und generell, hier habe ich damals so viele Emotionen erlebt, von ganz furchtbar bis hin zu wundervoll und verliebt. Ich bin froh, dass ich hier mit V das erste Mal wieder entlang gehe, sie nimmt mich in den Arm, versteht, fragt nicht nach, bringt keine blöden Floskeln, sondern ist einfach nur meine wunderbare, liebe V. Wie sehr ich sie doch vermisst habe…

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Tower Bridge, my love.

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Southbank, More Place, Blick auf HMS Belfast

Ich habe mich wieder gefangen und wir gehen weiter, der Weg durch die Hay’s Galleria führt zurück ans Wasser. Von hier hat man auch wieder den direkten Blick auf die Tower Bridge. Immer wieder ein imposantes Bauwerk, welches ich auf Photos nie auch nur annähernd so beeindruckend finde, wie in der Realität. Ich stehe auf dem flussseitigen Ende des More Place und schaue zurück auf die HMS Belfast, ich erkenne sie kaum, der Hintergrund ist mir zu unruhig geworden, schon wieder diese neuen Hochhäuser. Hm.

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Wasserspiel auf More Place.

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Wasserspiel auf More Place.

Als wir uns vor vier Jahren verabschiedeten, verbrachten V und ich einen warmen Sommernachmittag auf dem More Place bei den Wasserspielen. Jetzt stehen wir wieder davor, es ist nicht ganz so schön warm wie damals, aber es ist treffend, dass wir hier unseren Marsch beenden. Wir sind jetzt sieben Stunden lang nur gelatscht, mir tun die Füße so weh wie schon lange nicht mehr. Sie ist beruflich da abgehärteter, den ganzen Tag so auf den Beinen zu sein. Wir kehren bei Dim T ein, um Dim Sum zu essen und den Tag ausklingen zu lassen. Nach dem Essen verabschieden wir uns, wir werden uns Montag noch wieder sehen, das macht es wieder einfacher.

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Tower Bridge vom More Place aus.

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The Shard vom More Place aus.

Ich geh hintenrum zurück in Richtung London Bridge Station und blicke die Schlucht des More Place hinunter. Ein sehr bekannter Blick in die eine, neuer und verstellter Blick in die andere Richtung. Ich muss mir dieses Ungetüm noch mal aus der Nähe anschauen.

 

Ich geh rüber zur London Bridge und zum Fuße des Shards. Eigentlich hatte ich auch überlegt hinauf zu fahren, der Blick von dort scheint beeindruckend zu sein. Aber man muss sich vorher auf einen Termin festlegen und ganz günstig sind die Tickets auch nicht.

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The Shard.

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The Shard.

Ich beschließe, das für ein anderes Mal aufzuheben und begnüge mich mit dem Blick von unten. Danach gehe ich von der anderen Seite zurück zur London Bridge Station und erblicke ein weiteres für mich neues Bauwerk beim Borough Market, sie scheinen Teile des Marktes nun überdacht zu haben. Ich bin aber zu müde von der ganzen Latscherei und zu emotional aufgeladen, um dort auch noch durch zu gehen, auch oder gerade weil ich dort früher viel Zeit verbracht habe. Ein weiterer Punkt auf der “nächstes Mal dann” Liste.

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Borough Market.

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Southwark Cathedral.

Mit einem letzten Blick auf die Cathedral mache ich mich auf den Weg zurück zum Boot, wo ich eine knappe Stunde später erschöpft umfalle und in tiefen Schlaf falle.

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2 Responses to London V – These boots are made for walking…

  1. Isa says:

    Hach. Ach. (Ich muss ja immer gleich mitheulen.)

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